Verstrahlungen
Juli 14, 2007 by airenDer Mittwoch, der so voller Selbstmitleid begonnen hatte, nahm dann noch eine heilsame Wendung zum Exzess. Denn passender Weise rief mich meine Cousine an und kurz darauf saß ich mit ihr im Himmelreich, der Bar, in der ich vor zwei Wochen angeblich ein paar Tische umgeworfen und die Rechnung verweigert hatte. Aber niemand dort schien sich an mich zu erinnern und ich erinnerte mich sowieso an nichts. Also saßen wir da, tranken Wodka mit Tomatensaft, Wodka mit RedBull und Wodka mit Wodka. Das ganze Elternproblem erschien schon sehr viel weiter entfernt. Am Ende gab es sogar noch einen WodkaBull umsonst und kaum hatten wir nicht nachgedacht, saßen wir in einem Taxi gen Tresor. Im alten Tresor war das für gewöhnlich der beste Tag.
Kaum erreichen wir den Tresor, läuft alles ganz automatisch: Kurz anstehen, an den Türstehern vorbei, noch zwei Drinks holen, Drinks austrinken, Pep klar machen, Pep ziehen, wahllos Leute auf noch mehr Pep einladen, noch mehr Pep ziehen, tanzen. Und, ach ja, Cousine suchen. Ich treffe recht nette Leute, ein schwules australisches Pärchen und deren Freundin, alle so Anfang zwanzig. Wir machen das zweite Päckchen Speed auf. Jemand schreibt mir eine ellenlange Postadresse auf den Unterarm. Diesmal ist es nicht ganz so schlimm wie letztes Mal. Trotzdem ein scheiss Club gegen das Berghain. Als Alexandra und ich um fünf gehen, bin ich schnitzeldrauf. In der Wohnung meiner Cousine trinken wir noch etwas Bier und Kaffee, und kaum hat sie sich schlafen gelegt, verziehe ich mich ins Bad, um mir einen runterzuholen. Speed halt. Und wie es eben bei Speed immer so ist, funktioniert es nicht wirklich. Nach einer halben Stunde im Liegen versuche ich es im Stehen. Mittlerweile kriege ich nicht mal mehr einen hoch, aber – Speed halt -, meine ständig jetzt gleich wird es. Tausend Mal starte ich meine Phantasien von vorne, den Kopf gegen die geflieste Wand gelehnt, und als ich irgendwann aufgebe, ist es kurz vor neun. Ich bin bereits jetzt eine halbe Stunde zu spät. Hektisch ziehe ich mich an und mache mich auf den Weg. In Bellevue steige ich aus der S-Bahn, erreiche die Siegessäule und umrunde sie eineinhalb Mal, bis ich die richtige Abzweigung finde. Halb elf betrete ich durchgeschwitzt und amphetaminverkrampft die Firma. Stürme zum Zimmer meines Chefs und erkläre mit aufgerissenen Augen in 1,5 Sekunden, dass ich gestern weg war und irgendwie den Wecker nicht gehört hätte, dass es mir leid tue, dass ich dafür länger bleiben würde und dass ich jetzt mal schnell in mein Büro gehe. Knall, Tür zu.
Der Tag ist jedenfalls der Horror und am Abend bin ich noch immer drauf, habe noch immer nichts gegessen und kann noch immer nicht schlafen. Freitag mit vier Stunden Schlaf im Rücken schon etwas besser.
Heute ein ruhiger Tag. Das Wetter ist sommerlich, ich bin endlich ausgeschlafen. Aber als ich Lust verspüre, mich mit jemandem in einen Park zu hauen und das Wetter zu genießen und mir exakt niemand einfällt, den ich anrufen könnte, kommt wieder dieses Einsamkeits-Feeling. Schließlich gehe ich alleine los, mit Decke, Spezi und Ernst Jüngers Tagebüchern, Strahlungen I. Die Leute nerven mich und es dauert ein wenig, bis ich einen Platz finde, der genügend Abstand zu den anderen bietet. Ich beginne Ernst Jünger zu lesen, mal begeistert ob dieser naturverbundenen Klarheit seiner Beobachtung, mal stirnrunzelnd ob der märchenhaften, fast schon abergläubischen Interpretation derselben.
Morgen ist Aktion angesagt, meine Wohnung muss langsam auf einen besichtigungswürdigen Stand gebracht werden, drei, vier Stunden muss ich wohl noch im Büro verbringen, abends mal wieder ins Fitnessstudio und dann meinen Vater anrufen und ihm erklären, dass er meine Mutter nicht zum Heulen zu bringen hat. Und deswegen gibt es heute mal nichts zu trinken.