Ich war keine drei Tage in Bayern gemeldet, da stand schon wieder die Polizei vor der Tür. Nachmittags um zwei, Eltern gerade auf der Arbeit, klingelte es Sturm und ich wusste sofort: Das sind die Bullen. Die Raten für die noch immer unaussprechliche Friedhofsaktion, seit meinem Umzug nach Mexiko nicht gezahlt. Ich zog mich an, dabei die Frage: Nehmen die mich gleich mit?, dann etwas derangiert aus der Tür und noch barfuss zu dem schon wieder wegfahrenden Bullenwagen. Drehung im Schloss und Ausstieg der beiden Polizisten. Lockerer Auftritt, groß, bayrisch, unaufgeregter Beamtenstyle.
Ich: „Sie sind da wegen der nicht bezahlten Geldstrafe?“ –„Sie sind Airen?“
Als ich am nächsten Tag im kleinen Büro des Polizeiobermeisters sitze, ist die Situation entspannter. Er nimmt Zeile für Zeile die Daten auf, zwischen uns ein Bildschirm, hinten Akten und Poster mit Bulle auf Motorrad. Ich schiebe wie aufgefordert das Geld rüber. Erkundige mich nochmal: „Sie hatten also bereits einen Haftbefehl?“ Bulle: „Sie waren zur Fahndung ausgeschrieben.“
Ein paar Zeilen weiter unten fragt er mich dann doch noch: „Was war das eigentlich für eine Sache damals?“
Ich habe das Bild gesehen auf dem Fahndungszettel, schön drauf und glücklich grinse ich da in die Kamera, wie beim Shooting, von Scham keine Spur. Draufer geht’s dann glaub ich auch gar nicht.
„Was haben Sie denn dastehen?“, frage ich vorsichtig.
-„Störung der Totenruhe.“
„Ich würd sagen, lassen wirs dabei.“
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Die Treffen mit Dancemaster DonCasimir finden immer unter verschwörerischen Umständen statt. Denn bei meinen Eltern hat er absolutes Hausverbot. Dabei hat er an sich nichts Schlimmes angestellt. Der offizielle Grund ist, dass er mich mal mit einer Weissbier-Fahne abgeholt hat, im Auto. Aber im Grunde liegt es daran, dass mein Vater irgendwann mal mein Blog fand, Die Krasse Woche, und schon war Dancemaster DonCasimir, alter Feiergenosse, treuer Berlinbesucher, Afterhour-Mitverwundeter, Schranzkreuz zweiter Klasse, ein zwar lauter aber im Grunde sensibler Mensch, der gerade in diesen offenbarenden Momenten zwischen Dancefloor, Klo und Couch eine ganz seltene Empathie beweist, zur Unperson im elterlichen Anwesen erklärt worden.
Als Nancy und ich im vergangenen Jahr meine Eltern besuchten, mussten wir lange auf eine gute Gelegenheit warten. Als meine Mutter dann endlich zu einem Essen eingeladen wurde, kidnappten Nancy und ich den Smart und suchten Dancemaster DonCasimir im nächstegelegenen Kaff auf; Umarmung, Schulterschluss, Betreten die Wohnung. Natürlich erwartet man von Dancemaster DonCasimir keine Ordnung, eher Dachgeschoss & Durcheinander.
Gemeinsam am Tisch. Jetzt halbwegs sauber, es stört nur der Weinflaschenfleck auf dem Holztisch. Dancemaster DonCasimir spuckt drauf, verwischt ihn mit dem Ellenbogen, spuckt noch mal drauf, wischt noch mal. Fleck weg.
Diesmal Januar 2009, Eltern im Restaurant, wir kidnappen heute Audi EOS Cabrio. Wenn ich ohne Führerschein fremde Autos fahre, dann nur besoffen. Und so kommen wir dann wieder total im Zustand an, und Dancemaster DonCasimir, Abschiedsparty für seinen 3monatigen Asienurlaub, erfüllt die Erwartungen: „Ja, so a Militärputsch in Thailand is a ned so wuid, wia des die Medien immer doastein.“: DDC, der Gärtner. Ich lache und trinke Weissbier links und Jägermeister rechts, Wurzeln sprießen durch den Moment in die gemeinsame Vergangenheit, dann auch den Joint, wir waren ja alle Techno damals. „Bist du früher mal Krankenwagen gefahren?“, fragt dann auch der Schauer, der mir gleich irgendwie bekannt vorkam. Ich hatte ihn erstmal so als oberbayrische Feierbekanntschaft abgetan, als Alt-2001er, irgendwie Provinzchiller so, dann stellte er aber doch gleich den Bezug her. Den Schauer hatte ich damals während des Zivi in meinem Malteserwagen mitgenommen. Der Schauer, im selben Alter, musste keinen Zivi machen, weil er bei seiner Musterung erzählte, dass er keine Freunde hat, keine Interessen, dass es sich bei ihm alles nur ums Kiffen drehe. Das war mir da kurz im Gedächtnis geblieben unter den hunderten Rosenheimer Kifferleuten und da sass er jetzt wieder mit mir auf der Eckbank.
Zurück, sehr viel schwammiger dann, dachte ich bei Jeff Mills, dass manchmal, wenn all das ruhige Planen hier auf der Alm von einem harten Track durchbrochen wird, dass dann wirklich Techno der Teufel sei, die Versuchung. Dann, wenn gerade Stille eingekehrt ist, Abfinden, ein Hauch von Orientierung, dann taucht wieder dieses bekannte, verwandte, kindliche, geliebte Sprudeln auf, dass sich nicht nur vernünftig anfühlt, sondern wie reines, lebendiges Leben. Und das habe ich das letzte Mal im Berghain gespürt.
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