Einerseits

Mai 28, 2009 by airen

ist Liebe aber immer auch eine Forderung, so gesehen auch eine Bürde, denn there’s no such thing as a free lunch, suche Wärme, gebe Leben, bis dann doch nur ein warmüberkleistertes Loch im gekannten bewährten Chaosleben zurückbleibt. Chaosleben ist im Übrigen sowieso der höchste anzustrebende Zustand. Denn alles führt ja von selber von sich aus ganz automatisch zum Chaos und dies zu bejahen oder gar prototypisch zu personifizieren, ein Künstlerleben zu führen also mit Glitter, Schmutz und Pailletten, mit ganz bösem Nightmare-Bass für Erwachsene, mit farbigem Schattenspiel auf hyperrealen aber durch Rohypnol etwas schlecht aufgelösten Vaselintitten, das sollte dann doch angesichts der Vielfalt und Greifbarkeit dieser realistischen Erlebenssequenzen einem durch Liebe betäubten Leben vorzuziehen sein. Merkt man leider auch erst, wenn es zu spät ist, sprich wenn man auf anderthalb grüngesprenkelten Mitsubishis unter den ermutigenden Blicken glatzköpfiger, entmannter, dominierter Männer im Virchow-Klinikum eine Plastikpuppe in Windeln einwickelt. Dann kommt er von ganz weit hinten, auch ganz weit von innen: Der Bass, dem ich mein Leben widme.

Ich würde in diesen Momenten gerne in der fernen Zukunft leben, so Blade Runner mäßig. Dann würde ich aber auch nur auf Techno-Parties gehen und wie eine Ratte durch morgendliche graue Schächte rennen. Ich wäre der verlorene Sohn einer verlorenen Zeit; kein Gott, keine Moral hielte mich auf auf meinem Lauf durch die fensterlosen Gänge einer elektrisch verrauschenden Zeit

Moment

Mai 14, 2009 by airen

Saubreit und fett stand die Fläche im Raum. Dann knallte die Halbe immer so pick-pick mäßig dazwischen. „I can’t say, I am insane.“, sang der Typ, sang und drehte dabei irgendwie verschmitzt an einer Kurbel in der Luft. Der Typ sowieso: schlich schelmisch wissend um den Beat, tanzte auch um mich rum, sah aus der Tiefe des Sounds absolut begeistert zu mir hoch. Kurbelte. „Insane“ bellte es durch die Panorama Bar, und taktlos schob die Fläche jetzt alles noch weiter nach vorn. „Insane, insane.“, drehten wir beide am Rad, drehte eigentlich die gesamte Panorama Bar da gerade voll auf, ein unaushaltbares Kreischen über allen. „In-:“ BassBassBassBass. Da waren wieder alle. Der DJ erhob predigend die Hände über seine Crowd, die Rollos wurden gemäß des Meisters Wunsch aufgezogen und Tageslicht flutete die Gehirne der Nacht. „Sane, sane.“, waren alle wieder durch die Rückkehr des Basses geheilt.

Provinzgeflüster

Januar 23, 2009 by airen

Ich war keine drei Tage in Bayern gemeldet, da stand schon wieder die Polizei vor der Tür. Nachmittags um zwei, Eltern gerade auf der Arbeit, klingelte es Sturm und ich wusste sofort: Das sind die Bullen. Die Raten für die noch immer unaussprechliche Friedhofsaktion, seit meinem Umzug nach Mexiko nicht gezahlt. Ich zog mich an, dabei die Frage: Nehmen die mich gleich mit?, dann etwas derangiert aus der Tür und noch barfuss zu dem schon wieder wegfahrenden Bullenwagen. Drehung im Schloss und Ausstieg der beiden Polizisten. Lockerer Auftritt, groß, bayrisch, unaufgeregter Beamtenstyle.
Ich: „Sie sind da wegen der nicht bezahlten Geldstrafe?“ –„Sie sind Airen?“

Als ich am nächsten Tag im kleinen Büro des Polizeiobermeisters sitze, ist die Situation entspannter. Er nimmt Zeile für Zeile die Daten auf, zwischen uns ein Bildschirm, hinten Akten und Poster mit Bulle auf Motorrad. Ich schiebe wie aufgefordert das Geld rüber. Erkundige mich nochmal: „Sie hatten also bereits einen Haftbefehl?“ Bulle: „Sie waren zur Fahndung ausgeschrieben.“

Ein paar Zeilen weiter unten fragt er mich dann doch noch: „Was war das eigentlich für eine Sache damals?“
Ich habe das Bild gesehen auf dem Fahndungszettel, schön drauf und glücklich grinse ich da in die Kamera, wie beim Shooting, von Scham keine Spur. Draufer geht’s dann glaub ich auch gar nicht.
„Was haben Sie denn dastehen?“, frage ich vorsichtig.
-„Störung der Totenruhe.“
„Ich würd sagen, lassen wirs dabei.“

***

Die Treffen mit Dancemaster DonCasimir finden immer unter verschwörerischen Umständen statt. Denn bei meinen Eltern hat er absolutes Hausverbot. Dabei hat er an sich nichts Schlimmes angestellt. Der offizielle Grund ist, dass er mich mal mit einer Weissbier-Fahne abgeholt hat, im Auto. Aber im Grunde liegt es daran, dass mein Vater irgendwann mal mein Blog fand, Die Krasse Woche, und schon war Dancemaster DonCasimir, alter Feiergenosse, treuer Berlinbesucher, Afterhour-Mitverwundeter, Schranzkreuz zweiter Klasse, ein zwar lauter aber im Grunde sensibler Mensch, der gerade in diesen offenbarenden Momenten zwischen Dancefloor, Klo und Couch eine ganz seltene Empathie beweist, zur Unperson im elterlichen Anwesen erklärt worden.
Als Nancy und ich im vergangenen Jahr meine Eltern besuchten, mussten wir lange auf eine gute Gelegenheit warten. Als meine Mutter dann endlich zu einem Essen eingeladen wurde, kidnappten Nancy und ich den Smart und suchten Dancemaster DonCasimir im nächstegelegenen Kaff auf; Umarmung, Schulterschluss, Betreten die Wohnung. Natürlich erwartet man von Dancemaster DonCasimir keine Ordnung, eher Dachgeschoss & Durcheinander.
Gemeinsam am Tisch. Jetzt halbwegs sauber, es stört nur der Weinflaschenfleck auf dem Holztisch. Dancemaster DonCasimir spuckt drauf, verwischt ihn mit dem Ellenbogen, spuckt noch mal drauf, wischt noch mal. Fleck weg.

Diesmal Januar 2009, Eltern im Restaurant, wir kidnappen heute Audi EOS Cabrio. Wenn ich ohne Führerschein fremde Autos fahre, dann nur besoffen. Und so kommen wir dann wieder total im Zustand an, und Dancemaster DonCasimir, Abschiedsparty für seinen 3monatigen Asienurlaub, erfüllt die Erwartungen: „Ja, so a Militärputsch in Thailand is a ned so wuid, wia des die Medien immer doastein.“: DDC, der Gärtner. Ich lache und trinke Weissbier links und Jägermeister rechts, Wurzeln sprießen durch den Moment in die gemeinsame Vergangenheit, dann auch den Joint, wir waren ja alle Techno damals. „Bist du früher mal Krankenwagen gefahren?“, fragt dann auch der Schauer, der mir gleich irgendwie bekannt vorkam. Ich hatte ihn erstmal so als oberbayrische Feierbekanntschaft abgetan, als Alt-2001er, irgendwie Provinzchiller so, dann stellte er aber doch gleich den Bezug her. Den Schauer hatte ich damals während des Zivi in meinem Malteserwagen mitgenommen. Der Schauer, im selben Alter, musste keinen Zivi machen, weil er bei seiner Musterung erzählte, dass er keine Freunde hat, keine Interessen, dass es sich bei ihm alles nur ums Kiffen drehe. Das war mir da kurz im Gedächtnis geblieben unter den hunderten Rosenheimer Kifferleuten und da sass er jetzt wieder mit mir auf der Eckbank.

Zurück, sehr viel schwammiger dann, dachte ich bei Jeff Mills, dass manchmal, wenn all das ruhige Planen hier auf der Alm von einem harten Track durchbrochen wird, dass dann wirklich Techno der Teufel sei, die Versuchung. Dann, wenn gerade Stille eingekehrt ist, Abfinden, ein Hauch von Orientierung, dann taucht wieder dieses bekannte, verwandte, kindliche, geliebte Sprudeln auf, dass sich nicht nur vernünftig anfühlt, sondern wie reines, lebendiges Leben. Und das habe ich das letzte Mal im Berghain gespürt.

***

k.A.

Januar 1, 2009 by airen

“Also meine Drogenphase ist definitiv vorbei“, sagt Max und stellt den Amaretto-Glühwein auf den speckigen Biertisch. Max schaut jetzt extrem frisch aus, sportlich, superattraktiv. Auf die kurzen, blonden Haare hat er sich einen schwarzen Hut gesetzt, darunter schwarzer Schal, dann schwarzer Mantel. Gerade aus einem schlechtbezahlten Optionshändlerjob in Amsterdam gekündigt, verdient Max nun 110 Franken die Stunde und schaut dabei relativ zufrieden aus. Mit ihm stehe ich jetzt jedenfalls am Münchner Hauptbahnhof neben einer Schlittschuhbahn, trinke ebenfalls Glühwein mit Schuss und atme kleine straffe Dampfwölkchen in den Abendhimmel. Mexiko ist keine zehn Tage her.
„Ich habe den Kapitalismus in seiner Perfektion kennengelernt“, fährt Max fort und ich denk sofort an früher, wo wir in in Frankfurt/Oder am Balkon standen, mit der Bong neben uns, und über die Brachfelder in unsere Zukunft blickten. Miss Kittin lief damals, glaub ich. „Es ging nur ums Geld und ums Ficken.“

***
Auf der Pille stand: „Keine Ahnung.“ Ich nahm sie und tauchte ein in eine Welt, wo nur Leben und Sex und Techno galten. Eine gesunde, vielleicht die natürlichste Neudefinition der Werte, ein psychologisches Phänomen, ein persönliches Wunder: Ecstasy: besser hatte sich Leben nie angefühlt.
***

„Und du hast die Nancy mitgebracht?“, fragt Max und ich weiß schon jetzt genau wo er hinwill. „Ja.“, lächle ich gequält. –„Und die bleibt jetzt auch erstmal hier oder was?“ Ja sprech es schon aus, Mann, denke ich und nicke nochmals: „Ja..“ Max lässt das zwei Sekunden wirken und schlägt dann zu: „Und die ist jetzt schwanger.“
Da muss ich dann echt erstmal lachen und, fuck it, aha: “Ja!“.
Max nippt gemütlich an seinem Glühwein und stellt dann fest: „Ja, du bringst halt echt immer die krassesten Stories, Airen.“
„Schon Mann, Alter“, sag ich, „Keine Ahnung.“

Mezcal

Dezember 28, 2008 by airen

„Dem seine Scheiße stinkt aber echt übel“, denke ich, denke aber auch: „Das ist jetzt vollkommen okay so..“. Der Mensch frisst, verdaut und scheißt. So ist der Lauf der Welt. Easy ist das. Jairo die Sau, echt.. Irgendwie wieder enddicht strull ich also weiter ins Klo. Wir haben ja den Mezcal jetzt gefunden.
Es ist Samstagmorgen in der Marquez Sterling Strasse in Mexico City. Grelles Licht strahlt durch die Scheiben, nur leicht geschattet von den grünenden Bäume im Innenhof. In der Wohnung herrscht Ruhe. Der Mezcal lässt alles wieder gemächlich aufglühen.

Jairo, der zahnlose Gitarrist vom Vorabend, war kurz zuvor beim Scheißen eingeschlafen. „Soll ich dir ne Schere reichen, Alter“, hatte ich nach ner halben Stunde ungeduldig vom Couchtisch gerufen, „zum Abschneiden?“ Der Schrei drang durch die türkis gestrichene Badtür, überflog die dreckigweißen Minifliesen, erreichte Jairos Gehirn, aktivierte Kopf, Magen und zuallerletzt: Darm. Jairo schied folglich einen letzten Zoll Alkkacke aus und stolperte grinsend wieder nach draußen in die Küche. Und ich dann wieder grinsend nach drinnen und hielt meinen Schwanz gemütlich strullernd in die Kloschüssel von Doña Tina. Samstagmorgen, perfekt.

End die Suche zuvor: Doña Tina war mit Nancy zum Barbacoakaufen gefahren. Ich war da noch irgendwie breit, am Morgen, und ließ die beiden, ja okay, und drehte mich nochmal um ne Weile auf der Matratze. Ich ließ die einfach gehen, dachte ich, schlief ich, und als die Tür ins Schloss fiel sprang ich wieder auf und machte mich auf die Suche nach dem weißen 10-Liter-Kanister mit dem Mezcal. Mezcal: wasserklarer Agavenschnaps, 50% plus.
Und als wäre plötzlich die Sonne aufgegangen erwachte auch Jairo aus dem Nachbarzimmer zum Leben und quälte sich noch vor mir ins Wohnzimmer. Und auch die Chiquis, der kleinwüchsige schwule Indianer, der die ganze Nacht dort auf einer Isomatte verbracht hatte, schälte sich schon aus seinem Schlafsack. Unausgesprochen: Wir wollten alle drei ganz offensichtlich weitersaufen.
„¿Donde está el pinche Mezcal?“, lispelte die Chiquis feminin beim Durchstöbern des Geschirrregals, „…chinga..“ hörte ich Jairo aus dem Nebenzimmer fluchen, und aus dem Kleiderschrank murmelte auch ich ganz deutsch vor mich hin: „Ja wo ist denn der scheiss Kanister hin, Alter? Hinter dem Sacko, oder was? Hier drunter? ICH HAB IHN!“. Und dann hatten wir uns alle drei in der Küche versammelt und wussten, dass Nancy und Doña Tina in frühestens einer Stunde wieder zurückkommen würden. Wir waren in innerhalb weniger Minuten wieder breit.

Jairo bleckte wieder seine Zahnlücken und erzählte von früher, als er vor 30.000 Leuten gespielt hatte; die Chiquis wurde wieder gesprächig und sang und wurde überhaupt dann wieder die lallende Chiquis vom Vorabend, und ich fing wieder an zu sehen und wirklich zu fühlen und addierte ein paar Ebenen mehr zu dem wenigen was sonst so ist, und so war dann der Morgen und die Fülle der Wahrnehmung so fragil, dass ich alles gleich aufschreiben musste, bevor die ermattende Zeit alles erklärte oder im nächsten Glas die Welt wieder zerfloss.

Der grosse Wurf

Dezember 16, 2008 by airen

Ich brauchte ne Weile um zu merken, dass das ne Scheissidee gewesen war, das ganze Gras ins Klo zu schuetten. Nach der Haelfte der Tuete hatte ich auf einmal Gewissensbisse bekommen, Suchtangst, Vernunftsanfall. Sicherheitshalber hatte ich auch gleich den dicken Joint ueber den Zaun ins Nachbargelaende geworfen. Dann sass ich eine Weile wie gelaehmt auf dem Bett. Dann schaltete ich den Fernseher an und begann mich wohl zu fuehlen. Dann war es Zeit fuer die naechste Tuete.
Das Gras war weg. Natuerlich hatte ich gespuelt, fuer den Fall. Aber der halbe Joint auf der Wiese nebenan war nicht eine Sekunde aus meinem Unterbewusstsein verschwunden. Der lag noch immer dort.

Das Nachbargelaende wird von Don Juan bewacht. Die Wohnungen sind noch nicht bezogen und bis die Mieter einziehen hat dort Don Juan mit seinen vier Hunden das Regiment. Don Juan ist schon gute fuenfzig, fett, verwarzt und dunkelbraun an der Grenze zum Neger. Er wirkt immer ziemlich behaebig, wie er in seiner blauen Securityuniform durch die Gegend schlurft. Jedes Mal wenn ich bei ihm vorbeikomme ratschen wir ne Runde. Jetzt musste ich ihm igendwie erklaeren, was ich auf seinem Grundstueck will. Ich musste an den Joint ran.
Ich oeffnete also das Fenster und warf eine Unterhose ueber den Zaun. Die verfing sich glatt im Fenstergitter des Gegengebaeudes im zweiten Stock. Die zweite – diesmal waehlte ich dann auch eine alte – landete perfekt: genau neben dem Joint.

Der Rest war Formsache: Zuerst die Treppen runter und am Zaun bei Don Juan klopfen. Der machte eh gerade Siesta und winkte mich durch, als ich ihm von einem Kleidungsstueck erzaehlte, dass der Wind wohl zu ihm heruebergetragen habe. Eine Minute spaeter kam ich zurueck, winkte erklaerend mit der Unterhose und verabschiedete mich nach oben. Und schon kurz darauf war der Nachmittag wieder weich und warm und nur eines macht die Geschichte bis heute wahr: Die Unterhose im Fenstergitter.

slide

Dezember 10, 2008 by airen

Aber weisst du, diese Momente auf dem Ruecksitz, wenn sich die Palmen fast nicht mehr abzeichnen vor dem so tiefblauen Abendhimmel, wenn Funk laeuft und Hartalk, Stimmung, Pegel, Level, Dope, wenn die Wahrnehmung “Hallo”, sagt “lang nicht mehr gehabt”, wenn unter Wimperschlaegen die Sicht verschwimmt, dann denkst du dir:
Wenn all das was wir auf Parties erlebt haben nichts als jugendlicher Leichtsinn war, wenn das alles nur Scheisse waere was wir da gebaut haben, wenn all die Kuesse und Umarmungen nicht zaehlten, dieses verschwitzte Laecheln nicht echt waere, wenn das alles nur eine Dummheit war, ein paar Suenden am Wegesrand, dann sage ich Ja zur Dummheit, denn nur diese Kuesse zaehlten, nur dieses Laecheln war echt, nur dann und dort habe ich gelebt.

Nachbarn – 5

Dezember 3, 2008 by airen

Ich fand ein schoenes Ein-Zimmer-Apartment, Rokokoaltbau, im Hausflur schwarzes Holz und Spiegel. Zwischen S-Bahn und Volkspark, naeher am tuerkischen als am schwulen Teil Schoenebergs gelegen hatte es nebenan einen Getraenkemarkt und war nur hundert Meter entfernt von einem der beiden bestgeoeffneten Lidls in Berlin. Und ich konnte wieder ungestoert tanzen! Unter mir war der Keller, ueber mir stand frei, hinten war das Treppenhaus und vorne die Martin-Luther-Strasse. Ich zimmerte mir einen 2 x 3 Meter grossen Laminatdancefloor und drehte auf ohne Ende. Im Haus wohnten junge, ordentliche Leute, einige mit Kindern. Ne ziemlich geile Jugoslawin war da auch. Ganz am Ende kam die sogar mal rein um sich die Wohnung anzuschauen, hetzte dann aber nur gegen die ebenfalls jugoslawische Hausmeisterin. Die war allerdings wirklich ein Besen: klein, rund und mit rotgeaedertem Gesicht, aus dem in staendiger Spannung beissende Blicke blitzten, wohnte sie mit ihrem zwanzig Jahre juengeren deutschen Mann im zweiten Stock. Ihr Sohn war mein Vormieter, deswegen hatte die bestimmt auch noch die ganze Zeit die Schluessel. Jedenfalls stand die immer am naechsten Tag vor der Tuer, wenn ich wiedermal mit Pizza im Backofen eingeschlafen war oder ein Plastikschneidebrett auf der Herdplatte liegengelassen hatte. Nach einer kurzen Standpauke lueftete sie demonstrativ den ganzen Tag das Treppenhaus.
Einmal heftete sie auch einen Zettel an die Haustuer: “Es ist uns egal ob du deine Frau betruegst, aber wenn du nochmal Gleitgel und Kondome in der Fluverkleidung versteckst und dabei Holzteile abbrichst, melden wir das der Hausverwaltung! Wir wissen wer du bist!” Dass ich das nicht war wusste sie bestimmt; Gleitgel und Kondome hatte sie bei ihren Kontrollgaengen mit dem Zweitschluessel sicherlich bereits auf meinem Esstisch geortet. Der Zettel blieb da ein paar Wochen lang haengen und ich fand das sehr erfrischend, jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit erstmal mit dem Wort “Gleitgel” zu kollidieren. Ansonsten passierte nicht viel in dem Haus. Einmal kamen zwei Bullen, um mir einen Brief wegen der Friedhofsaktion zuzustellen.
Rundherum hatte ich bald ein paar Bekannte: den schuechternen Schnorrer Marcel, den Securitytypen vom Lidl, den Saeufer Soenke, der mir immer im Unterhemd begegnete, wenn ich morgens im Anzug auf den Bus wartete, und den aegyptischen Pizzabaecker Mery. Da bin ich auch mal, nachmittags, stockbesoffen rein, nach dem CSD glaub ich, und habe Irans Anrecht auf eine Atombombe verteidigt. So ein Russe klatschte und Mery gab mir einen Schawarmateller aus. Ansonsten war das Jahr in Berlin hart und trist und auf eine geile Art krass. Viel Arbeit, viele Drogen, kaum Freunde, null Sport. Alles drehte sich immer schneller. Kaum auszumachen, wo genau man sich gerade im Rausch-Kater-Zyklus befand. Mexiko kam wie eine Erloesung.

Nachbarn – 4

November 11, 2008 by airen

Das Problem war vielmehr der kleine Sachse, Erstsemester, der genau unter mir wohnte. Der warf mir eines Tages einen Zettel in den Briefkasten. Ob ich auch manchmal das Knacken in der Heizung hoere. Was man da unternehmen koenne. Das war alles nur Vorwand. Denn im PS kam es dann: “Bitte vor allem nachts nicht mehr Seilspringen ueben.”

Ich musste einen Moment ueberlegen. Seilspringen?

Aber dann wurde mir klar, dass er nur das Tanzen meinen konnte. Das war damals die Zeit, als ich jeden Abend mit Bleigewichten an den Knoecheln vor dem Spiegel uebte, als ich jeden Track als Aufgabe sah, als fremde Leute in der U-Bahn auf mich zeigten und “krasse Choreographie” tuschelten, als ich elektrischen Strom gefressen haette, nur um besser tanzen zu koennen. Das gefiel dem Sachsen nicht.

Ich bin dann runter um das mit ihm zu klaeren. Dass meine Heizung nicht klopft. Und dass er sich mal locker machen soll mit dem Gedance, schliesslich lebten wir in einem Studentenwohnheim und nicht im Altersheim. Der wirkte etwas eingeschuechtert und schien das nur innerlich zu notieren. Am naechsten Tag fand ich wieder einen Zettel im Briefkasten, diesmal vom Hausmeister:

“Es ist zwar richtig, das unser Studentenheim kein Altersheim ist, aber immerhin besteht hier eine Hausordnung. Ab 22.00 Uhr ist sehr laute Musik und Turnübungen mit Geräten verboten. Es liegen gegen Sie Beschwerden vor. Sie stehen unter Beobachtung! Bei weiteren Uneinsichten werden sie zu einem Gespräch beim Abteilungsleiter Herrn Walter eingeladen. Es kann bei besonders Hartnäckigen zur Kündigung des Mietvertrags führen.

Datum/ Unterschrift Hausmeister”

Mit dem Dancen war dann also ab 22 Uhr Schluss. Mit Kim lief weiterhin alles ganz easy; wie gesagt: das war ein Kiffer. Wenn sich mal so schwaechliche Aufhoergedanken anbahnten, half mir Kim da schnell wieder raus. Normalerweise heizten wir schon morgens um zehn den ersten Joint an. Damals fing ich auch mit dem Blogschreiben an und began ernsthaft zu trinken. Das waren echt schoene Tage.

Im Mai 2006 hatte ich mein Studium bis auf eine Hausarbeit fertig. Als mir das klar wurde packte ich meine Sachen, fuhr zu meinen Eltern und kehrte bis heute nicht mehr nach Frankfurt zurueck. Den Arbeitsvertrag bei der Beratungsfirma in Berlin hatte ich da schon sicher. In Bayern wollte ich nur ausspannen. Meine direkten Nachbarn waren die 50 Kuehe von Bauer Daxer. Zwei, drei Hoefe weiter lebte Dancemaster DonCasimir. Ich jobbte in der Rehaklinik und verbrachte die letzten Tage mit meinem Hund, der im Sterben lag.

Nachbarn – 3

Oktober 28, 2008 by airen

Das Berlin-Projekt musste dann abgesetzt werden. Ich hatte ein Jahr damit verbracht ein paar tausend Euro zu verbraten und zwei mickrige Scheine zu schreiben. Also wieder zurueck ins oede, graue Frankfurt/Oder.
Diesmal kam ich in das Wohnheim direkt am Grenzuebergang nach Polen. Weil ich mich, ganz bloed, auf dem Formular im Namen geirrt hatte. Eigentlich wollte ich ja in dieses ehemalige Hotel, wo jedes Zimmer Internetanschluss hatte. Aber so sass ich da in meinem neuen Zimmer, sah den Zoellnern beim Kontrollieren zu und mir wurde klar, dass ich wiedermal was ganz wichtiges verplant hatte.
Die Kueche und das Bad teilte ich mit meinem ukrainischen Mitbewohner Zhenia. Der war anspruchslos und umgaenglich, als Mitbewohner der absolute Traum. Aber ein Tier von einem Mann. Ein breiter, bulliger, joghurtfressender Russe. Meist lief er nur in Unterhosen herum. Abends verkloppten wir uns manchmal. Ich hatte da gerade meine TaeKwonDo-Phase und Zhenia hatte irgendsoeine russische Nahkampfmethode drauf. Ich weiss noch wie ich da mal ins Berghain gehen wollte mit zwei extra aus Rosenheim angereisten Freunden und fast nicht konnte wegen einer Rippenprellung. Mit dem Ukrainer lief alles bestens.
Nach ein paar Monaten musste der dann leider raus. Mein Leben hatte zwischenzeitlich normale, fast produktive Formen angenommen. Ich hatte alle Scheine nachgeholt. Ab und an ging ich sogar an die Uni. Als Zhenia rausging dachte ich: “Scheissegal was der naechste fuer ein Typ ist, Hauptsache es ist kein Kiffer.”. Eine Woche spaeter sass ich dann mit Kim, einem Halbkoreaner, im Nebenzimmer in einer dichten Rauchwolke unter einem Bob Marley Poster und hoerte Cypres Hill. Mit dem lief also auch alles bestens.