Verstrahlungen

Juli 14, 2007 by airen

Der Mittwoch, der so voller Selbstmitleid begonnen hatte, nahm dann noch eine heilsame Wendung zum Exzess. Denn passender Weise rief mich meine Cousine an und kurz darauf saß ich mit ihr im Himmelreich, der Bar, in der ich vor zwei Wochen angeblich ein paar Tische umgeworfen und die Rechnung verweigert hatte. Aber niemand dort schien sich an mich zu erinnern und ich erinnerte mich sowieso an nichts. Also saßen wir da, tranken Wodka mit Tomatensaft, Wodka mit RedBull und Wodka mit Wodka. Das ganze Elternproblem erschien schon sehr viel weiter entfernt. Am Ende gab es sogar noch einen WodkaBull umsonst und kaum hatten wir nicht nachgedacht, saßen wir in einem Taxi gen Tresor. Im alten Tresor war das für gewöhnlich der beste Tag.

Kaum erreichen wir den Tresor, läuft alles ganz automatisch: Kurz anstehen, an den Türstehern vorbei, noch zwei Drinks holen, Drinks austrinken, Pep klar machen, Pep ziehen, wahllos Leute auf noch mehr Pep einladen, noch mehr Pep ziehen, tanzen. Und, ach ja, Cousine suchen. Ich treffe recht nette Leute, ein schwules australisches Pärchen und deren Freundin, alle so Anfang zwanzig. Wir machen das zweite Päckchen Speed auf. Jemand schreibt mir eine ellenlange Postadresse auf den Unterarm. Diesmal ist es nicht ganz so schlimm wie letztes Mal. Trotzdem ein scheiss Club gegen das Berghain. Als Alexandra und ich um fünf gehen, bin ich schnitzeldrauf. In der Wohnung meiner Cousine trinken wir noch etwas Bier und Kaffee, und kaum hat sie sich schlafen gelegt, verziehe ich mich ins Bad, um mir einen runterzuholen. Speed halt. Und wie es eben bei Speed immer so ist, funktioniert es nicht wirklich. Nach einer halben Stunde im Liegen versuche ich es im Stehen. Mittlerweile kriege ich nicht mal mehr einen hoch, aber – Speed halt -, meine ständig jetzt gleich wird es. Tausend Mal starte ich meine Phantasien von vorne, den Kopf gegen die geflieste Wand gelehnt, und als ich irgendwann aufgebe, ist es kurz vor neun. Ich bin bereits jetzt eine halbe Stunde zu spät. Hektisch ziehe ich mich an und mache mich auf den Weg. In Bellevue steige ich aus der S-Bahn, erreiche die Siegessäule und umrunde sie eineinhalb Mal, bis ich die richtige Abzweigung finde. Halb elf betrete ich durchgeschwitzt und amphetaminverkrampft die Firma. Stürme zum Zimmer meines Chefs und erkläre mit aufgerissenen Augen in 1,5 Sekunden, dass ich gestern weg war und irgendwie den Wecker nicht gehört hätte, dass es mir leid tue, dass ich dafür länger bleiben würde und dass ich jetzt mal schnell in mein Büro gehe. Knall, Tür zu.
Der Tag ist jedenfalls der Horror und am Abend bin ich noch immer drauf, habe noch immer nichts gegessen und kann noch immer nicht schlafen. Freitag mit vier Stunden Schlaf im Rücken schon etwas besser.

Heute ein ruhiger Tag. Das Wetter ist sommerlich, ich bin endlich ausgeschlafen. Aber als ich Lust verspüre, mich mit jemandem in einen Park zu hauen und das Wetter zu genießen und mir exakt niemand einfällt, den ich anrufen könnte, kommt wieder dieses Einsamkeits-Feeling. Schließlich gehe ich alleine los, mit Decke, Spezi und Ernst Jüngers Tagebüchern, Strahlungen I. Die Leute nerven mich und es dauert ein wenig, bis ich einen Platz finde, der genügend Abstand zu den anderen bietet. Ich beginne Ernst Jünger zu lesen, mal begeistert ob dieser naturverbundenen Klarheit seiner Beobachtung, mal stirnrunzelnd ob der märchenhaften, fast schon abergläubischen Interpretation derselben.
Morgen ist Aktion angesagt, meine Wohnung muss langsam auf einen besichtigungswürdigen Stand gebracht werden, drei, vier Stunden muss ich wohl noch im Büro verbringen, abends mal wieder ins Fitnessstudio und dann meinen Vater anrufen und ihm erklären, dass er meine Mutter nicht zum Heulen zu bringen hat. Und deswegen gibt es heute mal nichts zu trinken.

Kaputt

Juli 11, 2007 by airen

Ich komme in die Arbeit, meine sogenannte Lieblingskollegin ist wieder da, ich betrete beinahe vorfreudig das Büro, und was sagt die Sau, besser schreit? : „Hilfe, hilfe, was hast du denn mit deinen Haaren gemacht?!“, und wechselt angeekelte Blicke mit der Fotzenkollegin. Also wenn ich eins nicht abkann, dann verständnislose Kommentare über meine Frisur. Mein Gott, ich bin far from hetero und in Party-Gear schaut das schon viel besser aus. Ich setze mich relativ konsterniert, schalte meinen Laptop an, was höre ich meine sogenannte Lieblingskollegin beim Checken ihrer Email sagen? : „ Na super, schon wieder so eine schwule Geburtstagsparty.“. Dann wundert sie sich, dass ich angepisst bin bzw. kein Wort mehr mit ihr wechsle. Mehr wechseln kann. Ich mach ne weitere Front auf, noch 12 Tage in dem scheiss Konzern, ich muss mich mit niemandem mehr vertragen. Lad mir lieber Schwuchtelmucke von Christina Aguilera runter und hör sie mir dann mit Kopfhörern an. Meine Mutter schreibt, dass sie „ziemliche Diskussionen“ mit meinem Vater hat. Das kann nur Stress bedeuten, und den hatten die beiden schon lange nicht mehr. Ich erledige extrem viel von der scheiss standard-Arbeit, die ich schon viel zu lange mache. Mittagessen in den Nordischen Botschaften. Dann weiter, Christina und sauviel Arbeit und alle paar Minuten kommen weitere Aufträge rein. Als ich mich nach zehn Stunden verabschieden will, da ich meinen Termin beim Fotografen habe wegen Visum, hält mir mein Chef vor, ich sollte erst mal alles erledigen, ja, klar, ich kann schon gehen, aber eigentlich sollte ich erst alles erledigt haben. Egal. Chef hat eh einen an der Klatsche, heute so, morgen so.
Im Foto-Studio. Viel zu nette Assistentin. Mein Typ, glaub ich, aber egal, denn ich bin schüchtern wie ein Kleinkind. Sie reisst einen Witz nach dem anderen, fotografiert mich und ich sag gar nichts mehr, weil ich mal wieder überdeutlich merke, was für ein Spast ich bin. Als wir die Fotos auswerten – „Setz dich ruhig her. Ich beiß nicht. Nur manchmal.“ – und ich mein verkrampftes Deppengesicht auf dem Bildschirm sehe, ist es ganz vorbei, ich verkneif mir sogar die wenigen witzigen Einfälle, die ich habe. Das Mädchen (ich habe die Visitenkarte mit ihrem draufgekritzelten Namen in einem Anfall von Dramatik in den nächstbesten Mülleimer geschmissen) hat garantiert viel Sex, oder nein, viel Freunde oder Liebe und so, sonst wäre sie ja nicht so locker. Mit ihrer Chefin, Alt-Hippie in ihren 50er, rede ich mehr, mit Alten und Hunden kann ich irgendwie. Da hat man nichts zu gewinnen. Auf dem Heimweg heule ich fast. Hatte ich schon lange nicht mehr. Noch heute Mittag dachte ich mir: Wer heult, dem geht’s eigentlich viel zu gut. Wer auf dem untersten Level der Desillusion lebt, der heult nicht mehr. Der hat’s schon hinter sich und erträgt alles. Auf jeden Fall besauf ich mich, sobald ich heim komme. Zu hause call ich meine Mutter. Sie kann grad nicht reden, ruft gleich noch Mal an. Klingt ja übel. Aber die raufen sich schon wieder zusammen, denk ich. Keine Ahnung, was ich ihr gleich raten soll. Der Alk lässt mich mich noch schlechter fühlen, nicht mehr so traurig-warm, nur noch scheisse. Mehr trinke ich erst mal nicht, gleich kommt der Anruf. Ich liebe meine Mutter. Vielleicht einfach nur quatschen lassen. Wie ein Roboter schmiere ich Butter auf’s Brot und lege Käse darauf. Dann stecke ich es in den Mund und kaue, bis es sich zerkleinert genug anfühlt, und schlucke, Bissen für Bissen.

Meine Mutter ruft an, aus der Garage, tränenerstickt. „Wir haben Diskussionen wegen dir.“. Wie ein Schlag in die Magengrube. Mein Vater meint, ich würde nur wegen der Drogen nach Mexiko gehen. Und diesesmal stimmt es einfach nicht. Egal wie cool ich hier tue: Klar, freue ich mich auf das günstige Koks dort, ein spannender, Erlebnisse versprechender und sicher auch ein Stück kaputtmachender Nebeneffekt. Aber an allererster Stelle gehe ich dorthin wegen der Aufgabe, dort ganz alleine über die Runden kommen zu müssen. Das erste Mal so lange in einem fremden Land zu sein. Mein eigenes Projekt zu managen.
Ich stehe ihm sein Misstrauen zu; mein ganzes Leben war von vorne bis hinten eine einzige Enttäuschung für ihn. Aber dass jetzt meine Mutter deswegen weinen muss, macht mich fertig. Als ich auflege, gehe ich in die Küche. Blute bald aus Arm und Brust. Zum ersten mal seit über einem Jahr, zum ersten mal, seit mein Vater den Koffer mit den Briefen weggeschmissen hat. Ich schaue in den Spiegel und bin nicht mehr als eine verheulte, alles kaputtmachende Tunte. Und blute noch mehr.

Die Kunst des Fallens

Juli 8, 2007 by airen

Eigentlich erwarte ich ja nichts mehr vom Leben. Das kommt vom ständigen auf-die-Fresse-fallen. Irgendwann will man gar nicht mehr aufstehen. Einfach nur liegen bleiben. Und am Besten nicht hoch schauen.
Damit lebt es sich dann auch nicht so schlecht. Ist einem halt alles egal. Ich kann mittlerweile jeden meiner so genannten Freunde wegdenken, ohne dass das eine Katastrophe wäre. Ich hab kein Geld und muss zwei Wochen lang von Billigfraß leben? Fress ich halt zwei Wochen nur Billigfraß. Deswegen gehe ich auch ohne mit der Wimper zu zucken für ein halbes Jahr nach Mexiko. Deswegen bin ich auch damals freiwillig 11 Tage in den Knast gegangen, nur um 300€ Geldstrafe zu sparen. Weil es mir echt egal war wo ich penne.
Aber dann kommen manchmal immer noch so Momente, in denen dieses Schutzschild der Gleichgültigkeit aufreißt und vereinzelte Hoffnungsschimmer hereinlässt. So ein bisschen Glück. So hell, dass es schmerzt. Z.B. wenn so geiles Wetter ist wie früher, als ich dann noch was anderes gemacht habe als die Jalousien runter. Oder wenn ich Hand in Hand mit so einem bezaubernden Geschöpf auf der Couch sitze wie letzten Freitag im Watergate. Dann frage ich mich, ob ich wirklich zum Verlieren geboren bin. Ein beschissene Scheißfrage, und wenn ich nicht mal wieder mein Portemonnaie verloren hätte, würde ich sie auf der Stelle mit einem halben Liter Wodka runterspülen.

Professionell

Juli 7, 2007 by airen

Na gut, da es ja alle so brennend interessiert: Ich hab dann beides gemacht. Erst viel zu schnell durch den Volkspark Schöneberg gelaufen, die lange Runde, rasch geduscht und immer noch schwitzend rein ins Party-Outfit. Nebenbei die ersten beiden Drinks. Dann meine Cousine gecallt, eigentlich waren wir vor zehn Minuten verabredet, und was in der Bar gegenüber ihrer Wohnung ausgemacht. Sie wartet da mit ner Freundin. Scheiße, scheiße, ist das dann mal wieder alles schief gelaufen. Jedenfalls renn ich halb elf an der Bar in Friedrichshain vorbei und seh drinnen meine Cousine neben nem echt hübschen Mädchen aufspringen und mir zuwinken. „Gut gemacht, Alexandra.“, denk ich. Drinnen begrüße ich beide, Betty heißt das Mädchen, schwarze, schulterlange, leicht gewellte Haare und so ein süßes Schwanengesicht. Friseuse. Ich erinnere mich entfernt, dass meine Cousine mich schon mal mit der verkuppeln wollte. Ich geb ihr die Hand: „Hallo, Airen.“.

Sie lächelt.

Die beiden sind gerade auf dem Sprung und ne Minute später stehen wir auf den mit Bars zugepflasterten Straßen des Simon-Dach-Kiezes. Ich erzähle erstmal von der verpeilten Sache mit dem Firmenlauf und bin dabei eigentlich nur noch zum Schein aufgebracht, trotzdem brauch ich jetzt sofort nen Drink. Wir klopfen am Raumklang, aber da macht keiner auf. Dann ins Cassiopeia, sechs Euro Eintritt und drinnen sechs Leute und mittelmäßiger HipHop-Funk. Wir setzen uns auf ein Sofa, rauchen nen Joint und ich fang an mich zu betrinken. Halb eins gehen wir wieder, mein Plan: Watergate. Auf dem Weg erzähle ich, dass ich in letzter Zeit immer rausfinde, wo ich letzte Nacht Hausverbot bekommen habe, indem ich in meiner Arschtasche krame. Dort findet sich nämlich seit kurzem immer eine Streichholzschachtel mit dem Logo der jeweiligen Bar. Und lauter solchen Scheiß. Betty lacht und ich erzähle immer lustigeren Scheiß und werde dabei immer fiktiver. Zwischendurch auch so Mitleid erregendes Selbstbezichtigungszeug, Betty lacht nicht mehr und sagt was von wegen „manisch-depressiv“. –„Nee, ich mach mich grade nur wichtig.“ Vor dem Watergate werde ich beinahe überfahren, alles um mich kreischt, egal, wir stehen in der Schlange. Vor uns wird ein Grüppchen nach dem anderen wieder heim geschickt, mindestens fünfzehn Leute am Stück, dabei legt heute nur Tom Clark auf, aber vor uns dreien öffnet sich die rote Kordel und der Türsteher wünscht freundlich einen schönen Abend. WodkaBull, JackyCola, WodkaBull und noch ein Joint. Geht mir eigentlich ganz gut jetzt. Sone Tussi in Hotpants fragt mich nach Weed und ich setz sie auf den Typen an, der gerade mit Betty labert. Damit bin ich beide los. Ich tanze zu ziemlich funkigem Elektro, Airen-style, doppelt so schnell wie der Rest. Vor der Glasfront fließt die Spree und ich werde ganz tiefsinnig und fasele was von panta rhei, alles fließt und wie gut es uns doch allen gehe, so jung und schön und alles, und wie geil es hier sei, direkt an der Oberbaumbrücke, besonders im Vergleich zu irgendwelchen staubigen Uranus-Monden. Betty sitzt neben mir, Arm an Arm, gegenüber meine Cousine. „Läuft schon.“, denke ich, ganz Profi. Später sitze ich ein Stockwerk höher mit Betty auf der Ledercouch; über das Sofa gelehnt betrachten wir das Wasser. Noch tiefsinnigerer Scheiß. Wir drehen uns wieder nach vorne und reden über Frisuren und Betty hat auf einmal ihre Hände in meinen Haaren und zeigt mir, wie sie´s machen würde. Ja klar wäre da was gelaufen, wenn ich es nicht wieder so professionell in den Sand gesetzt hätte. Dann halte ich ihre Hand und spiele mit ihren Fingern, ultra im Fluss, ultra sexuell, echt, ganz gefühlvoll auch sie, bis sie meine Finger wie im Gebet zwischen ihre Hände nimmt und sagt, dass Alexandra irgendwie unten hängengeblieben ist und ob wir nicht mal runterschauen sollten. Ich glaube das war schon der Cut. Wir packen wieder unsere Jacken und Taschen und chillen uns auf den Dancefloor im Erdgeschoss. Dann tanzen, aber ich glaube, Elektro ist so gar nicht ihr Style. Sie tanzt auch ziemlich schlecht, wenn ich ehrlich bin. Ich tanze sie so ein ganz klein wenig an, jetzt nicht mit Anfassen, aber schon in ihre Richtung und fast an ihr. Sie geht jedenfalls nicht weg. Alexandra tanzt ziemlich gut, Familienkrankheit, so wie die Pupillen und die barocken Zahnwurzeln, die jeden Zahnarzt zur Verzweiflung bringen; unsere Zähne kann man einfach nicht ziehen. Irgendwie liege ich dann ne Stunde mit ausgebreiteten Gliedmaßen auf nem Lederkubus und beruhige alle zehn Minuten Leute, die fragen, ob alles okay sei. Danach gehe ich raus vor die Tür und penne ne halbe Stunde zusammengekauert und hackedicht auf nem Vorsprung in der Wand. Mit viel Willem stehe ich auf, die Türsteher lassen mich sogar wieder rein. Wir gehen.
Ich bin viel zu dicht, wanke übelst rum, nehme auf der Warschauer Brücke sogar nochmal Bettys Hand. Aber die hat keinen Bock mehr, lässt bald los und sagt sogar irgendwas angenervtes. Fühlt sich an wie´n Déja Vu, ich glaub eine Minute zuvor hat sich genau die gleiche Szene abgespielt. Erbärmlich. Ich zieh die Notbremse und geh nicht mehr mit zu Alexandra sondern verabschiede mich abrupt und falle fast die Treppe zur U-Bahn Station runter. Haben die beiden auch noch mitbekommen. Naja klar, wenn, dann richtig. Die Ringbahn fährt bis genau einen Halt vor meiner Station, eigentlich könnte ich laufen, aber ohne Geld an den ganzen Puffs vorbeigehen: Das würde mir jetzt endgültig den Abend versauen. Schließlich bin ich im Bett. Wache noch ein paar Mal auf und verfluche alles.
Samstag.
Ach Alter…

my life in a nutshell

Juli 6, 2007 by airen

Freitag. Berliner Firmenlauf. Paar tausend Leute aus berliner Firmen laufen in Firmenshirts einmal um den Tiergarten. Ich habe gestern extra wenig gesoffen und heute mittag eine Magnesiumtablette genommen, mit anderen Worten: ich bin topfit. Um 20:30 soll´s losgehen. Eigentlich mach ich ne Punktlandung und stehe 20:15 vor dem sowjetischen Ehrendenkmal, da soll irgendwo der Stand meiner Firma sein, an dem es das Shirt und die Startnummer gibt. Dummerweise ist der verfickte Stand weit und breit nirgendwo zu sehen und die Stände sind auch nicht nummeriert, so wie angekündigt. Fünf vor halb finde ich endlich unseren Stand am Brandenburger Tor. Die Eventmanagerin vom Büro (nebenbei gesagt eine Frau, die so dumm ist, dass ich ihren Charakter selbst nach einem Jahr nicht einschätzen kann, so sehr wird alles durch ihre Dummheit übertönt) begrüßt mich vorwurfsvollst. Ja klar will ich noch mitlaufen. Ich muss zehn Mal fragen, bis sie es fertig bringt, mir das scheiss Shirt zu geben. Unkooperativ ohne Ende. Entgegen der Ankündigungen gibt es auch keine Kabinen zum Umziehen und vor den Dummtussen aus meiner Firma lass ich garantiert nicht die Hosen runter. Also schlage ich mich in die Büsche und zieh mich im Rekordtempo um. Der Startschuss ertönt. Ich pack meine Feierklamotten in die Tasche und renne zurück zum Stand. Nach drei Mal fragen krieg ich endlich die Startnummer, die ich mir mit einer Mini-Sicherheitsnadel an die Brust pinne, dann renne ich zum Start. Dort warten bereits die Walker. Eine Nachzüglerin läuft gerade noch los, gehässiger Kommentar aus den Lautsprechern, ich drängle mich vor „Da kommt noch einer!“, da merke ich: Die Startnummer ist ab. Perfekt.
Ich gehe zurück zum Stand meiner Firma - man ignoriert mich mittlerweile - und nehme meine Tasche. Dann gehe ich wie im Schock Richtung Siegessäule. Setze das hässlichste und verächtlichste Lächeln auf. Ich kann einfach nicht einsehen, dass das meine Schuld war. Ich kotze auf diese Inkompatibilität zwischen mir und der Welt. Von vorne kommen die Gewinner. Ich hasse sie. Immer mehr kommen mir jetzt entgegen und ich ertrag´s nicht und biege ab in den Tiergarten. Dreh den MP3-Player voll auf. Nehme den Hörschaden nicht in Kauf, sondern genieße jede einzelne absterbende Sinneszelle. Nehme dann den nächsten Bus und fahre heim.

Es brodelt in mir. Ich sauf mich jetzt weg bis Ultimo und geh dann ins Berghain und fahr mir jegliche verfügbare Chemie ein.

Nein, ich geh jetzt laufen. Meinen eigenen Weg.

Nein. Ich sauf jetzt.

2 Einträge

Juli 6, 2007 by airen

Am Dienstag kommt meine SIM-Card. Mademoiselle drängte seit Monaten, mir was O2-mäßiges zuzulegen und bestellte schließlich genervt mit einer ihrer gewöhnlichen Notlügen die Karte unter meinem Namen an meine Adresse. Well, dann eben ja, um acht haben wir uns per eMail jedenfalls zu einem längst fälligen Gespräch verabredet. Doch zunächst calle ich Stefan, fast das gesamte Restguthaben, wir verabreden den gemeinsamen Mega-Absturz im August, dann fange ich an, per SMS meine neue Nummer zu verbreiten. Mademoiselle ruft seit einer verfickten Stunde nicht an, dann kommen die ersten Antwort SMS: „Wer bist du?“ und ich stehe an der Telefonzelle und frage Mademoiselle, ob sie mich verarschen will. Sie muss noch mit irgendeiner behaarten Hippie-nicht-Schlampe was essen und ich lege auf. Warum hat sie nicht gleich mit „Ja.“, geantwortet? Bomec fragt, ob ich auf Speed bin und Mademoiselle ruft zurück und fragt am anderen Ohr: „Bist du drauf, oder was?“ –„Nein, vielleicht ein bißchen angesoffen, aber das ist ja nichts Neues.“, antworte ich beiden. „Okay, dann komm mal´n bißchen runter.“, aber ich habe überhaupt keinen Bock runter zu kommen, bei Bomec ist das Geld durch und Mademoiselle kriegt krasse Sprüche ab, immer an der Grenze zum Auflegen, immer voll Anspielungen auf ihre scheiss Fresserei. Mann, ich will nur weitersaufen, Ummagumma live, mittlerweile zu Hause. Um zehn ruft die fette Sau an und ich hab schon ordentlich einen sitzen und verfolge mit einem Ohr das BigBrother-Finale. Kalle gewinnt, mein absoluter Favorit, und ich erzähle Mademoiselle, wie toll ich bin. Ans Auflegen kann ich mich nicht mehr erinnern.

* * *

Wenn ich beim Netten Fucker aufwache, dann prinzipiell in den krassesten Zuständen. So auch heute; und kaum steh ich im Bett kriege ich vor den Kopf, dass der Nette Fucker mit mir nirgendwo mehr hingeht, solange ich Lokale mit Lobreden auf den Führer unterhalte und mit Hitlergruß verlasse. Kurzes Kaffee-mit-Zigarette-Frühstück. Dann die Odyssee: Mit der S-Bahn erst mal nach Hause und schön den Zug zusammenstinken. Beim Aufstehen wartet das ganze Abteil darauf, dass ich umfalle, aber wenn ich eins kann, dann freihändig in einfahrenden S-Bahnen balancieren. Anruf beim Chef, dass es später wird. Duschen, cremen und den ganzen Mist. Dann im Bus zur Arbeit eine Migrantenschulklasse: „Bilal, komm jetzt her, Ahmet, halt dich fest, Gülümseküm, lass den Mann in Ruhe. Hä? Der Tiergarten heisst Tiergarten, weil da vor Hunderten von Jahren Tiere gewohnt haben, Hirsche und so.“ –„WIR GRILLEN DA IMMER!!!“, brüllt mir Gülümseküm direkt ins Ohr. Als ich aussteige weiss ich nicht ob ich meinen Job noch habe, Hitlerreden runterladen und so. Ich bin hardcorefertig, so wie eigentlich noch nie in der Arbeit, und kurz davor, irgendeinen Vorstand um Koks anzuhauen. Mit ganz viel Kaffee überstehe ich den Tag. Was bleibt ist der schale Nachgeschmack, dass das alles irgendwie keiner mehr lustig findet.

Jaja, halt´s Maul

Juli 1, 2007 by airen

Ich liege mal wieder endfertig im Bett mit meiner Cousine. Neben ihr. War heute Nacht auch nicht so klar.
Nach einem zwölfstündigen Arbeitstag und einer vierstündigen Bandprobe sitze ich mit ihr und Bloody Mary in einer Bar in Friedrichshain. Meine selbstverordnete Alkoholpause hatte ich anstatt nach zwei Wochen bereits nach zwei halben Tagen für beendet erklärt. Jetzt lasse ich mich also Freitag-Style in rasantem Tempo vollaufen und schlage meiner Cousine vor, mal den neuen Tresor auszuchecken. Scheißidee. „So ein Scheißladen!“, erwachte ich heute Mittag 100 Euro und einen Geldbeutel ärmer. „Nee, nee, nee, verdammte Kacke.“, lief ich dann zum Bad. „Ach du Scheiße!“, sah ich in den Spiegel. „Zum Kotzen!“, übergab ich mich ins Klo.

Halb zwei steigen wir um dicht aus dem Taxi. „Alexandra, ich hab meine guten Sachen an, sobald ich versuche, mir Chemie klar zu machen, spuck mir ins Gesicht, tritt mir in die Eier und zerr mich fort! Habt ihr Teile oder Speed oder so?“, wende ich mich an den Typen neben uns in der Schlange. Nee, hat er nicht. Vier Securities in Security-Uniform ignorieren uns, als wir eintreten. Keine Hell´s Angels in Lederkluft, so wie damals, als ich Mittwoch für Mittwoch in dem legendären Keller an der Leipziger Straße feierte. Alexandra schärft mir ein, sie verdammt nochmal nicht allein zu lassen. Den Großteil der Nacht verbringe ich damit, sie zu suchen. Vorweg: Der Laden ist scheiße, die Leute sind scheiße, die Mucke ist scheiße. Punkt, Haken und Strich drunter. Nichts unterscheidet den neuen Tresor von einer gewöhnlichen Großraumdisko, in der zufällig gerade Techno läuft. Jedenfalls: In Anzugschuhen tanzt es sich schlecht, also besaufe ich mich ordentlich und frag jeden Assi nach Pillen. Es geht überhaupt nichts. Ein weiteres untrügliches Zeichen, dass der neue Club mit dem alten Tresor so gar nichts gemein hat. Als ich endlich um fünf einen Ticker gefunden habe, ist mein Geld alle. Taxifahrt zur Sparkasse und zurück. Dann vier Teile für´n Zwanni. Eins ex, eins für vier Kippen (nachverhandelt: fünf) an zwei Argentinier, eins an eine unbekannte Schönheit und das letzte nach zwei Stunden Suchen direkt in den Mund meiner verdutzten Cousine. Totaler kack-prolo-Schuppen. Sogar auf Ecstasy langweil ich mich. Plötzlich lieg ich mit meiner Cousine draußen auf dem Rücken auf der Wiese und wir küssen uns, so wie ich Stefan küsse, so wie ich meinen Hund geküsst habe: Aus purer Verbundenheit. Krasse Wolken ziehen über den erhellenden Morgenhimmel, verschmelzen mit dem Gesicht meiner Cousine, mit dem verpeilten Ecstasy-Gefühl und einem Türsteher, der meint: „Ihr könnt da nicht liegen.“. Wir finden wieder rein; verpeilt wie ich bin stoße ich gegen tausend Leute und werde gleich zum Nächsten weitergeschubst. Aggro-Stimmung. Proleten-Laden. Scheiss Tresor. Ich will heim. Okay, meine Cousine hat gerade das erste Teil ihres Lebens intus, also lass ich ihr den Spaß noch eine Weile und tanze gelangweilt ab. Dann reicht´s mir. Ich will raus hier. „Wo geht´sn hier raus?“ hau ich den Türsteher an. „Geradeaus, dann die Treppe und dann links.“ Dann stehe ich vor einer Wand. „Wo geht´sn hier raus?“ frag ich den nächsten Türsteher. „Rechts, dann die Treppe und geradeaus.“ Ein paar Runden Pingpong später stehe ich wirklich im Freien. Auch nicht besser: Ich muss meine Cousine hier rausholen, und zwar sofort. Irgendwann finde ich sie sauglücklich auf der Tanzfläche. „Nur noch zehn Minuten!“ fleht sie. Okay, ich kenn das ja, aber mittlerweile bin ich saukühl und seh das genau so: Ich kenn das ja. Eine paar Platten später –Timo Maas legt beschissene Klassiker auf- sag ich, dass ich draußen auf sie warte. An einen großen Stein gelehnt stehe ich im Freien und die Minuten vergehen im Zehnerpack. Zwischendurch Hund streicheln und von dummen Assis dumme Assigeschichten erzählen lassen. Dann wird der Ticker von vorhin rausgeschmissen und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Zehn Minuten später kommt er mit den Bullen zurück (verschafft sich lebenslanges Hausverbot) und will mich als Zeugen anbringen, ich schau ja auch so super seriös aus in meinem vollgekleckerten Anzug. Aber ohne Ausweis in der Tasche sag ich gar nichts. Nach einer Stunde wird´s mir zu bunt, ich check wieder rein, finde meine Cousine und zerre sie mit purer Gewalt von der Tanzfläche. Irgendwann ist Schluss, echt. Im Taxi addieren wir kurz: Mein Portemonnaie ist weg, ihre Jacke auch, alles egal, türkischer Fahrer namens Mehmet. „Seltener Name, echt. Kaffanissikim, Shereffsis.“, ich fick dein Gehirn, Ehrenloser, geb ich mein Türkisch zum besten. Dann sitzen wir bei Alexandra in der Küche, es ist sauhell und ich rufe zum zehnten Mal die Auskunft an, weil ich zum neunten Mal die Sparkassennummer falsch aufgeschrieben habe. Irgendwann komme ich durch, lass meine Karte sperren und penne im Bett neben Alexandra ein.
„So ein Scheißladen!“, erwache ich Sekunden später.

 Bevor ich hier irgendwie runterkomme, mach ich mir eine Weinschorle und fang an zu schreiben. Dann checken wir zur Bank und meine Cousine leiht mir 180€, das muss reichen, bis ich ne neue Karte bekomme. Ich bin irgendwo zwischen angepisst, besoffen und drauf. Dem scheiss Alternativo-Hippie auf der Straße mit seiner super-stylischen Sonnenbrille hau ich fast eine auf´s Maul, dem Wichser. Schlechtes Essen beim Inder, Hauptsache indisches Bier mittags um zwölf. „Zahlen, Fotze!“. Der Spast leiert eh nur sein Programm ab und kriegt kein Trinkgeld. Direkt an der Warschauer ist so ein Döner-Laden – Oktagon – and all you Berliners: Geht runter zur Toilette und nehmt die bunte Tür: ihr steht mitten im Backyard des RAW-Tempels. Inmitten verpeiltester Goa-Deko rauchen wir die x-te Zigarette und langsam haut alles irgendwie rein und zieht mich irgendwie runter, vor Allem die Uhrzeit. Auf dem Weg zurück grüßt meine Cousine den Kanaken hinter der Bar, der grüßt pseudo-nett zurück und kriegt von mir ein „Jaja, halt´s Maul!“ ab. Bitteschön. Ich seh alles viel zu klar. Wieder mal ein Wochenende gelaufen, bevor es angefangen hat.

Zehn vor Sex

Juli 1, 2007 by airen

Kaum habe ich ein, zwei Schluck getrunken, fange ich an, mir was auf meinen auf den Leib geschneiderten Anzug und meine Krawatte einzubilden, auf dieses bonzige Outfit, das für mich den ganzen Tag nur notwendiges Übel gewesen ist. Mit meinem Standard-Satz „Es soll ja nicht schmecken, es soll wirken.“, rühre ich mir eine unheilige Mischung von Pepsi und Averna an. Was heisst hier „Saufen ist nicht glamourös.“, saufen ist Bohème deluxe, da sprudeln die Gedanken und der Preis ist egal. Das unterscheidet die ganzen maximierenden Homo oeconomicus-Fuzzis von den Freien. Dass der Preis egal ist. Und am Ende leben sie genauso lange, history has proven. . Noch´n Schluck. Die ganze Literatur, ach was, die ganze Kunstgeschichte, besteht nur aus zu einem unsagbaren Preis hervorgepeitschten, -gesoffenen, sonstwie herausgedrogten Geistesblitzen. „Das Zeug prallt, das Zeug ist gut!“ One more.. Now see if you can dig that…
Das Problem ist einfach, dass ich mir jede verfickte Freiheit nehme, von der meine Eltern mich je versuchten abzuhalten. Ins Waschbecken pissen, schlecht anziehen, mich besaufen: das ist noch das Mindeste. Ich drücke die Zigarette im Blumentopf aus und wünsche mir, eine von den Lights geraucht zu haben; seit letztem Wochenende liegen hier tausend Schachteln Zigaretten rum, Gauloises, NIL, weiss und blau. Jedenfalls könnte ich mir dann jetzt die nächste anzünden, ohne zu kotzen. Es ist nicht so, dass ich es hassen würde zu kotzen. Ich kotze fast jede Woche und am liebsten im Freien, am zweitliebsten auf fremden Toiletten, jedoch sehr, sehr ungern zuhause. Wenn ich es überhaupt dahin schaffe. An der Steckdose neben dem Bett trocknet sich seit drei Wochen ein mittlerer Kotzfleck an Wand und Teppich fest, ohne dass ich je die Zeit finden würde, ihn wegzuputzen. Mit was auch? Weiter bin ich in der Frage noch nicht vorgedrungen, ich muss ja auch ständig arbeiten oder feiern oder kotzen..
Themenwechsel: Sex. Man muss sich damit abfinden, dass Sex ein zutiefst animalisches Vergnügen ist. Das mit Liebe nichts zu tun hat. Letztens stand ich in einer Kabine im Berghain, leicht gebückt wie ein Uhr die zehn vor sechs anzeigt, und ließ mir von einem anonymen Typen den Arsch auslecken. Das letzte, was mir in dieser Situation in den Kopf gekommen wäre, wäre der Satz gewesen: „Ich liebe dich.“. Ich bin auf der Suche nach extatischer Liebe, jenseits der Kategorien „Ficken“ und „Orgasmus“. Auf jeden Fall bin ich jetzt zu dicht…

Juni 24, 2007 by airen

Ekel. Purer Ekel. Wie konnte ich mich nur so verhalten, solchen Müll schreiben und mich selber so kaputt machen. Obwohl jetzt schon 12 Stunden abstinent, stinke ich noch immer aus jeder Pore nach Alkohol. Sogar meine Scheisse stinkt nach Alk. Ich wälzte mich die ganze Nacht im Bett, seltsam aufgeregt und verzweifelt Schlaf suchend. „Mann, du musst jetzt sofort einschlafen, sofort einschlafen, Mann! Scheisse, ich pack das nicht. Kacke, ich muss doch jetzt mal schlafen können. Das gibt´s ja nicht, das hatte ich noch nie. Ich pack das nicht, echt nicht. Airen, Airen. Airen! Mein Gott, ich dreh gleich durch!!!“. Dann sprang ich wieder aus dem verschwitzten Bett, aß noch eine halbe Scheibe Brot, rauchte noch eine Zigarette, sah fern, legte mich wieder hin, zähneklappernd, Halluzinationen vor den Augen. Zwischendurch panische Angst, dass die Bullen jetzt gleich meine Tür aufbrechen. Dann stand mal für ein paar Sekunden eine Transe bei mir im Zimmer; ich erschrak unbändig und beruhigte mich nur langsam, als ich merkte, dass das alles nicht echt war. Ich hab´s mir innerhalb einer Woche so was von versaut, die Bassistin hasst mich, mein Kollege hat keinen Funken Achtung mehr vor mir, im Internetcafé sowie in meiner Pizzeria kann ich mich auch nicht mehr blicken lassen. Besoffen denkt man sich “Dann halt nicht.” und säuft sich weiter in die Einsamkeit. Sehr konsequent und sehr unglamourös.
Ich will das alles nicht. Das muss sich ändern. Ab heute zwei Wochen absolute Alkoholpause, komme was wolle. Auch wird mir klar, dass ich doch lieber ein Mädchen hätte. Homo- und Trans-Freunde, okay, sehr okay sogar, habe mich extrem wohl gefühlt unter den Leuten auf der Parade gestern, gut aufgehoben. Wunderbar schräge Vögel. Aber den Sex muss ich mir deshalb nicht geben. Ach, ich weiss auch nicht. Ich bin total am Ende.

transgenial

Juni 23, 2007 by airen

Bandprobe. Halb zwölf sogar dafür zu dicht, zu vertraulich, Bassistin kann kein Cover für mein Buch malen, weil zu un-p.c. Schliesslich sage ich „Lesbe“ und „Neger“ und vergleiche Pferde mit Transen. Schön geschrieben aber nee. Erkläre, dass ich das darf, weil ich alles darf, weil ich eh ganz unten steh. Jetzt werte ich schon wieder, und zwar in Kategorien. Whoa nee, dann lass uns lieber den nächsten Song proben. Überlege, ob ich mein Buch nicht „Scheisse! Ficken! Adolf Hitler!“ nennen soll, um sowas gleich mal im Voraus auszuschließen. Dann Himmelreich, heisst die Bar, ich zahle bar, hahaha, und fröhne meinem neuen Hobby, das da heisst: doppelte Wodka on the rocks. Will noch irgendwas Verbotenes machen, aber die Mädels halten mich zurück. Kurzer Filmriss. Wie ich eben erfahre also angeblich mit dem Argument „Scheiss Kapitalismus!“ geweigert zu bezahlen, neben die Bar gekotzt und paar Tische umgeschmissen. Jedenfalls schaffe ich es irgendwie, mich nirgendwo davor zu werfen, keine Kinder zu treten oder fremde Titten zu kneten. Bahn hält in Schöneweide. Nie gehört. Ich steige aus, mache drei Schritte nach vorn und pralle rückwärts gegen die Bahn. Dann stehe ich auf, mache drei Schritte nach vorn und pralle rückwärts gegen die Bahn. Schließlich kommen zwei so grobporige Bahnbullen und verfrachten mich in ein Taxi. Is nich weit, sagen sie. Irgendwie, irgendwann, komme ich irgendwo an, passe extrem auf, dass ich nicht beschissen werde, werde beschissen, mache drei Schritte nach vorn und pralle rückwärts gegen das Taxi. Kämpfe mit dem Schlüssel. Verliere. Klingle. Kotze. Penne. Riss.

Am Morgen. Werweisswieviel Schachteln Kippen in der Jacke, leerer Eimer neben dem Bett, leeres Portemonnaie in der Hose (Ich sollte aufhören 100er abzuheben.), Toilette extremst zerstört; Abdeckung und Schwimmer und sonstiges Plastikzeugs liegen wirr im Raum. Wasser läuft. Einfach nur keine Ahnung.

Dann auf zum „Transgenialen CSD“. In Berlin ist man ja nur cool, wenn man auf die jeweilige Gegen- oder Anti-Demo geht. In der Bahn sitzen zwei dermaßen potthässliche Alki-Fettsäcke mit blutenden Eiterwunden und verwaschenen Tattoos, die irgendwas von wegen „CSD, Schwuchteln, wer macht den ganzen Dreck weg“, labern und dafür ein „Ihr seid echt besser als ein Finger im Hals.“ abkriegen. Checken die aber nicht. Jedenfalls bin ich immer noch zu besoffen bzw. ich hab ja grad zum wach werden erst nen Wodka-Sangrita Picante getrunken.

An der Warschauer Straße warte ich mit nem Smirnoff-Ice auf die Sänger-Lesbe, ja Lesbe, und bestelle aus Frust noch nen Smirnoff-Ice. „Sie haben sehr schöne Augen. Das meine ich wirklich so.“, sagt die türkische Verkäuferin, aber alle adäquaten Antworten wie: „Wenn ich Zeit hätte, würde ich sofort mit dir Liebe machen.“ traue ich mich nicht. Nach ner Viertelstunde rufe ich unseren Bandleader an, dass die mich mal abholen soll. Nee, ich soll zu ihrer Freundin kommen, ist gleich um die Ecke. „Lässt die sich schon wieder von soner ex-inhaftierten Bauhandlangerin mit strap-ons penetrieren?“, kopiere ich den geilsten Blogger aller Zeiten. -„Was?!“

Typische Friedrichshain-Wohnung, eine Schwuchtel, zwei Lesben, eine davon die Sängerin: „Hallo Airen, das hier ist mein bester Freund Jasko“, „Hallo Jasko!“ begrüße ich den Hund, aber der heisst Emmi. Rauchen und E-Mails checken. Ich merke dass ich stinke wie ein nasser Hund, wahrscheinlich zittert deswegen der Hund neben mir so, achso, nee, der ist ja nass. Jedenfalls geht´s dann los. Nebenbei die Cousine wecken und „Sorry wegen Dienstag.“ lallen. Dabei wars ja Mittwoch.

Vor dem „Kosmos“ stehen schon ein paar hundert wunderbar schlecht angezogene Freaks, sollte mir echt zu denken geben, dass ich jeden zweiten hier kenne, und demonstrieren für mehr Freiheit, Gerechtigkeit und gay pride. Meine Lieblings-Transe, mein Lieblings-Dealer sowie mein Friseur sind da, dem ich mit drei Gesten bedeute: „Hallo.“ „Danke für die Frisur“. „Ja, ich bin auch schwul.“. Dann setzt sich der Zug in Bewegung.
Nach ungefähr hundert Metern seh ich, wie so ein Neger, ja Neger, von einem scheiss verfickten Drecksbullen im Schwitzkasten in einen Bullenwagen gezerrt wird. Dann gibt’s erst mal eins auf die Fresse, sind ja auch nur fünf gegen einen in dem Wagen. Meine leere Bierflasche brennt mir wie Feuer in der Hand, aber ich reiß mich zusammen und krakeele lieber was von „Ihr hässlichen Nazis.“ bzw. werfe dem dann noch dümmer schauenden Bullen ein Bussi sowie ein Augenzwinkern zu. Es stellt sich heraus: Der Typ ist „mit auffälligem Fahrverhalten“ bei 0,1 km/h mit dem Fahrrad hinter dem Zug hergefahren und hatte keine Personalien dabei. Dafür gibt´s gleich nochmal eins auf die Fresse. Durchsage: „Der Wagen fährt jetzt nach hinten weg, bitte machen sie den Weg frei.“. Der Wagen fährt jetzt bestimmt nicht nach hinten weg, weil da stehen nämlich ein paar hundert aufgebrachte Tunten drumherum. Die Bullen versuchens mit Gewalt und das Mädel neben mir kriegt wegen Dastehen eins vor den Kehlkopf. Sie bekommt die Dienstnummer und eine Anzeige, weil sie ihn getreten hat, was nicht stimmt, genauer gesagt eine perfide Lüge ist, genauer gesagt jedem verschissenen Bullen am besten sofort eins auf die Fresse. Gleich Adressen ausgetauscht; nichts bereitet mir mehr Freude, als einem Bullen eine reinzuwürgen, gerne auch vor Gericht, mit kleidungsbedingter Glaubwürdigkeit. Naja, es fängt an zu pissen und die ganzen Transen rufen im Chor so geilen Scheiss wie: „Eure Kinder wer´n wie wir!“. Es dauert ne ganze Stunde, bis der Typ, sagte ich schon, dass es ein Neger war?, unter Jubelgeschrei frei gelassen wird. Ich meld mich erst mal am Lautsprecherwagen als Zeuge für den Fressenschlag, wie gesagt, gerne und immer wieder, und krieg dafür ein Wasser. Na danke! Die Organisatoren-Lesbe fragt, ob´s mir gut gehe, ich schaue so fertig und aufgebracht aus und ob ich mit Freunden da sei. Ja, nein, ja, Adresse und tschüss. Jetzt kommen wirre Reden, Patriarchat und „Züchtungsziel der Konservativen“ und ich frag mich, was jetzt noch alles kommt. Gentechnik? Vogelsterben? Jedenfalls wird mir das alles zu bunt und jetzt sitze ich hier, irgendwie komische Uhrzeit, und schreib das alles auf.