Mezcal, Mezcal

August 15, 2012

In Tejalpa an der Hauptstraße steht der Fruchtverkäufer Hipolito. Jeden Morgen fährt er seinen Holzkarren mit Mangos, Gurken, Papayas etc an den Bürgersteig und steht dann den ganzen Tag im dunstigen Schatten seiner orangefarbenen Plane und vercheckt Fruchtsalate. Hipolito hat acht Jahre im Knast gesessen, weil er seine Alte abgeknallt hat. Heute ist er um die vierzig. Mit seinem dünnen Oberlippenbart und den eng stehenden Augen erinnert er manchmal an eine gut gebräunte Ziege.

Ab Mittag ist Hipolito angetrunken, hat das aber ganz gut unter Kontrolle. Von Zeit zu Zeit haut er sich einfach einen Schluck 96%-igen Zuckeralkohol in die Cola, drückt eine Limette drüber und haut sich mit der Machete ein Stück Eis zurecht. Schmeckt im Grund gar nicht so schlecht, sein Cocktail. Kann ich sagen, denn Hipolito teilt gerne. Am Nachmittag belagern den Stand mindestens ein halbes Dutzend Säufer wie Straßenköter eine läufige Hündin. Das ganze versoffene Rudel hockt dann auf Hockern um den Fruchtstand und vertreibt die Kunden.

Da ist der uralte Genaro, der mir jedes Mal auf der Straße “Guerote” zuruft, “Großer Weißer”. Genaro ist glaub ich schwul und meint dann im Vollsuff manchmal so Sachen wie “Großer Weißer – du und ich, wär das nicht möglich?”, während Hipolito im Hintergrund zwinkernd einen Luftblowjob gibt, mit Faust und Zunge.

“Naja, Genaro, wenn du 80 Jahre jünger wärst und nicht sone hässliche Fresse hättest, könnten wir wirklich mal drüber reden.”

Dann hängt da noch der Pilot rum, ein zahnloser, verrunzelter Alter, der immer in Stewarduniform auftritt, mit Kapitänsmütze und Weste, ganz schräger Kerl, haut immer sautrockene Sprüche raus.

Roger aus Veracruz, Vokuhila, fehlender Schneidezahn, vorlauter Prolo mit Sonnenbrillenkomplex, Frauenhinterherpfeifer und Sabbermexikaner, hab ich letztens erst im Armdrücken besiegt.

Timoteo, der Gitarrist. Gegen Abend kehrt er von seinen Streifzügen durchs Viertel zurück, ein Ständchen hier, einmal Happy Birthday da, und dann sitzt er neben Hipolitos Fruchtstand, trinkt Mezcal und singt den Himmel an wie ein Wolf, die untergehende Sonne im Gesicht.

David, my homie from 18th Street Gang. Der El Salvadorenier mit der tätowierten 18 im Genick, 12 Jahre Los Angeles, kriegt für Geld alles her.

Mein Lieblingssäufer aber ist Chipotle, ein dicker Wuschelkopf mit Mexikanerbart. Der Name ist ihm geblieben, als er mich mal bat, Deutsch zu reden. Als erstes wollte er wissen, wie man “joto” übersetzt und ich meinte “Schwuchtel”. Da fing  der alte Pilot neben ihm an zu kichern und lachte: “Hahaha, Chipotle!”

Chipotles, geräucherte Chilis, falsch verstanden aber jetzt labert ihn hier jeder auf der Hauptstraße mit Chipotle an. Chipotle ist eigentlich Schreiner, ab und zu liest er mich  auf der Straße auf, im Vollsuff, und fährt dann schweigsame Runden durchs Viertel, hoch zu der Kirche am Markt, wo die verhärmten Indias Hängematten und Sombreros verkaufen, vorbei an den bunten Eckläden, an aufgehängter Schweinehaut, an dem Indio aus Yautepec, der auf dem Boden sitzt, mit einem Häufchen Knoblauch vor sich… die armen, ausgebluteten Straßen des Barrios, wo die ewigheiße Jahreszeit der Sierra herrscht und Karten spielt mit dem schwülen Mittagswind.

***

Hipolito, der Fruchtverkäufer, ist jedenfalls als richtig cooler Mensch wieder aus dem Knast gekommen. Dem Piloten schiebt er ein Stuhlkissen auf den umgedrehten Eimer, den Trinkern gibt er ab Mittag Zuckeralk aus, und abends verteilt er unter den letzten verbliebenen Säufern die übrig gebliebenen Tüten mit Ananasscheiben und Mango-Chili.

Letzten Sonntag ging dann alles schief. Eigentlich wollte ich nur kurz zur Comer, zum Supermarkt, und bisschen Käse und Schinken holen. Sonntag heisst Familienausflug. Der Plan war also Sandwiches machen, die Famile ins Auto packen und einfach drauflos fahren, irgendwo in einem schönen Dorf halten, den Zócalo besichtigen, durch die Straßen streunen, paar lokale Spezialitäten probieren.
Aber dazu musste ich erstmal am Früchtestand vorbei.

***

Roger, der Vokuhila, hält sich schon an Hipolito fest und der schwule Genaro döst in der Morgensonne. Ein knappes “Buenos días” und ich bin vorbei. Auf dem Rückweg steht dann Chipotle da, mit einem löchrigen “Acapulco”-Shirt über dem Ranzen. Er hält mich am Ärmel fest und sagt:

“Schau mal, Guero, was ich heute feines dabei hab.”

Er greift in einen Stoffbeutel und holt einen Tonkrug hervor.

“Mezcal aus Juchitán. Hat meine Frau aus Oaxaca mitgebracht. Heut hat sie nicht aufgepasst und ich konnte ne Flasche rausschmuggeln.”

Ich schau mir das Ding an. Ein bauchiges, lackiertes Tongefäß, mit einem Wachspfropfen verschlossen. Interessant sieht das aus. Mal sehen wie´s schmeckt, denke ich und sehe zu, wie Chipotle den Korken raushebelt.

Hipolito teilt Plastikbecher aus, Chipotle den Mezcal. Was für ein Rachenputzer! Da ist es wieder, das Feuer der Sierra Madre, der wilde Geruch des Dschungels – Palmen, Lianen, Macheten und düstere Mayagötter. Für einen Moment sind alle wie benommen. Ich denke kurz an die Einkaufstüte in meiner Hand und an den Familienausflug, da schenkt Chipotle schon die nächste Runde aus. Der Morgen glüht auf, Roger fällt um, dafür kommt Genaro wieder zu sich und beginnt, unverständliches Zeugs zu grölen.
“Halt´s Maul, jetzt.”, zischt Hipolito, “Du vertreibst noch die Kunden.”

Ich stell die Tüten erstmal ab.

Eigentlich wollte ich mich schon immer mal so richtig eingehend mit Chipotle unterhalten.

***

Drei Stunden später herrscht Trubel am Fruchtstand. Timoteo spielt Gitarre, Roger tanzt und der Jarocho, der alte Neger, singt mit melodischem Bass von den Stränden von Veracruz. Ich will mich zum tausendsten Mal verabschieden, werde zum tausendundersten Mal auf das nächste Glas eingeladen, die Flasche wird und wird nicht leer, da packt mich Chipotle am Ärmel und stellt fest: “Wir fahren jetzt ne Runde.”

Grad im Wegfahren seh ich noch meine Frau, will aussteigen, aber Chipotle beschleunigt und wir fahren los, wieder seine lange Runde durch Tejalpa.  

***

Klar war das Nachhausekommen ein Stress. Klar gab´s erstmal Anschiss von der Alten. Hat der Mezcal aber vielleicht geil geschmeckt! Ich hau mich auf die Matratze und penn weg.

***

Mitternacht. Ich stehe mit einer Stuhllehne in der Hand im Wohnzimmer.

Frau: “Mann, das ist doch nur ein Stuhl!”

- “Hä?”

“Du bist grad aufgestanden, hast den Stuhl zerlegt und geschrien: Wo sind die Drogen?!”

Ich geh pissen.

***

Am nächsten Morgen bleibt der Platz von Hipolito leer. Später treffe ich Chipotle auf der Straße: “Hipolito haben sie gestern Abend eingesammelt und zum Entzug eingewiesen. Der ist jetzt erstmal drei Monate weg vom Fenster. Mindestens.”

Oh, Mezcal.
Verdammter Mezcal…

Camino Frontal

Juli 2, 2012

Blog für MexicoToday

Kontakt: airenspost@gmail.com

Attacke Azteka

Februar 25, 2011

I AM AIREN MAN

März 18, 2010

 

Ja, krasser Ort, Jugend, da bin ich, da werde ich gewesen sein.

Ab 26. März:

Ein junger Mann hat zwei Jahre Berlin überlebt und geht nach Mexiko-City. Zwischen Flashbacks und exzessiven Erkundungen lernt er ein Mädchen kennen, und er wird sie herüberholen wollen in das, was er für sein Leben hielt. Die Hölle, so viel steht von Anfang an fest, ist nicht der Absturz, sondern das Mittelmaß.

Geburt eines Schriftstellers … präzise wie vor ihm nur Rainald Goetz.
Der Spiegel

Es ist ein besonderer Autor entdeckt worden … Airen trifft einen unsentimentalen schnellen Ton. Seine Sprache fließt, ist vergänglich, will nicht mehr, als sie ist. Schön.
Die Zeit

Der Typus des romantischen Helden, der sich erst verlieren muss, um sich zu finden … Aus dem unbehauenen Sound der Szene leuchten unverhofft scharf geschliffene Beobachtungssplitter hervor.
Süddeutsche Zeitung

Ein unmittlebar erzähltes Glanzstück … Endlich gibt es wieder einen jungen Autor in Deutschland, der ganz intuitiv schreibt.
Bücher

Es ist der Rhythmus der Sprache, die Härte der Wahrnehmung und die Unerbittlichkeit zu sich selbst, die Airen als Autor auszeichnet.
Sat.1

Airen ist 100 Prozent Authentizität.
Frankfurter Rundschau

Eine durch Drogen getriggerte Gier nach Leben … leuchtende Formulierungen
Tagesspiegel

Die Wechselspannung aus Alltag und Ausnahmezustand erzeugt eine einzigartige Energie … eine ganz eigene Poetik.
Die Welt

Airen, geboren 1981, arbeitete nach seinem Studium in einer Unternehmensberatung in Berlin und lebte danach in Mexiko. Seine Erfahrungen im Berliner Club Berghain protokollierte er in seinem Blog (und erstem Buch Strobo), aus dem Helene Hegemann in Axolotl Roadkill zahlreiche Passagen zunächst ohne Quellenangabe übernahm; so wurde er zum heimlichen Star einer heftig geführten Debatte.
Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an Henriette Gallus hg@blumenbar.de oder 030.2009.509.55

Airen | I Am Airen Man | 176 Seiten | gebunden | € 17,90 | Blumenbar Verlag | Berlin 2010 | Originalausgabe | ISBN 978-3-936738-85-8 |

Amazon

Multimediale Lesungen von STROBO

Februar 14, 2010

Kontakt: airenspost@gmx.net


Trailer (cc) VJ gently.radical – Musik (cc) loozabeats.net – Foto (cc) Fabio Venni

Deef Pirmasens a.k.a die gefühlskonserve hat es geschafft, innerhalb einer Woche Lesungen von STROBO in einigen der interessantesten Locations Deutschlands zu organisieren:

•Donnerstag 18.02. München, Niederlassung
•Freitag 12.03. Berlin, WMF
•Samstag 13.03. Hamburg, Übel & Gefährlich
•Mittwoch 17.03. Leipzig, Moritzbastei
•Samstag, 20.03. Leipzig, Litpop im Neuen Rathaus
•Freitag, 26.03. Frankfurt, Los Angeles – Café im Kunstverein, 21:00
•Samstag, 27.03. Landau, Universum Kino, veranstaltet vom AStA der Uni, 20:30
•Sa, 1.05. Erlangen, Kulturzentrum E-Werk. 22:00
•Fr 4.06. Wiesbaden, Kulturpalast, Lesung ohne Visuals
•2.-4.07. Internationales Literaturfestival Leukerbad, Schweiz
•Fr 8.10. Frankfurt am Main, Cocoon Club
•Fr 12.11. Siegen, Kulturhaus Lÿz, 20:00

Deef liest die besten Storys aus STROBO (Partnerlink zu Amazon). Dazu gibt es passende Beats und Sounds von Festplatte und Visuals von VJ gently.radical.

Vorgeschmack als kostenloses Hörbuch hier (Text © Airen, gemafreie Musik: 2012, 3vr3n, Aaron Acosta, ABQAO, AjT, Looza, DJ Cristo).

Interesse an weiteren Lesungen? Bookinganfragen an deef[at]gmx[.]de.

Premiere!

August 20, 2009

Frisch aus der Druckerei:

Strobo-Cover

Bestellt werden kann bei Amazon.

Oder mit günstigeren Versandkosten dirket bei meinem Verlag SuKuLTuR.

Oder in jedem Buchladen.

MySpace Seite mit Rezensionen


»Du solltest das Kokain unbedingt mit so viel Ketamin mischen wie möglich, das ist vernünftiger, es ist Sonntag, es herrscht eine neue Logik. Nimm!«

Berlin ist wieder im Techno-Fieber. Wenn man dieses Jahr in New York über Berlin spricht, dann nicht über die Staatsoper oder die Philharmonie, sondern über das Berghain, den „Besten Club der Welt“, über die Rückkehr der Afterhour, über die Einzigartigkeit des elektronischen Nachtlebens.
Doch wie lebt es sich im Techno-Fieber? Wie sieht das Leben eines Menschen aus, der nach zwei Tagen Party am Montag wieder zur Arbeit geht, der von dieser Entwicklung mitgerissen wird und doch sein ganz eigenes Leben führt?

Der Blogger Airen hat zwei Jahre Berlin mitgeschrieben … Eine Zeit, in der sein Leben zwischen Wirtschaftsstudium und Gefängnis, zwischen Beratungsfirma und Darkroom doch nur zwei Konstanten kennt: Techno und Drogen.
»Das Unerträgliche erträglich machen«, beschreibt er den Morgen, als er auf einer Afterhour mit drei Unbekannten zu sich kommt, »darum geht es doch im Leben.« Airen hat fünf verschiedene Drogen im Blut, wird sich gleich mit Valium in den Schlaf zwingen und später gefühllosen Sex mit einer alten Bekannten haben. Im Laufe des Buches wird Airen zwei Mal verhaftet, sitzt elf Tage im Gefängnis, verkauft Drogen auf der Loveparade, nimmt beinahe am Berliner Firmenlauf teil, hat Sex mit Frauen, Männern, Prostituierten und Transsexuellen und arbeitet jeden Tag in einer Unternehmensberatung.

»Airen hat den Kontrastregler seines Lebens voll auf rechts gedreht«, schreibt der Münchner Autor Deef Pirmasens. Er vertonte in seinem Podcast »Die Gefühlskonserve« das »Strobo«-Kapitel »In der Hölle« und wurde u.a. dafür mit dem internationalen »Best of Blogs«-Award der Deutschen Welle ausgezeichnet.
»Strobo« ist ein im Rausch geschriebenes, schonungslos ehrliches, hartes und intensives Werk. Die Spirale aus Ekstase und Ernüchterung, aus Party und Zusammenbruch dreht sich immer schneller … Am Ende scheint es für Airen nur einen Ausweg zu geben: Mexiko.

Airen, geboren 1981, aufgewachsen in Bayern, Abitur 2001, Bachelor of International Business Administration 2006, absolvierte nach dem Studium ein Praktikum in einer Unternehmensberatung in Berlin. Nach zwei Jahren in Mexiko lebt und arbeitet er heute wieder in Berlin. Seit 2004 veröffentlicht er regelmäßig Texte auf airen.wordpress.com.

In einer multimedialen Lesung wird Strobo zum ersten Mal präsentiert.
Donnerstag, 3. September 2009, 20 Uhr, im Bar-Restaurant Niederlassung, Buttermelcherstr. 6, München.

I AM AIREN MAN

Juni 14, 2008

Zuallererst war ich buechersuechtig. Dann gitarren- und erst mit viel Verspaetung techno- und drogensuechtig. Das ging einher, das war eins, da war auf einmal ein unbremsbares Verlangen nach der vollen Intensitaet des Lebens, dessen Vergaenglichkeit man so gerade erst verstanden hatte.

Mein Koerper wuchs nicht mehr, jetzt musste unbedingt das Gefuehl wachsen. Da war der Polarstern des Exzesses ueber den gar nichts mehr geht. Da waren die Moonboots und da war ich unter dem weitesten Himmel ever, da explodierte die Wahrnehmung und da war auf einmal der Rausch der uebergefuehlten Liebe zur Welt. Da war Techno und da war alles klar. Da war ich. Da war Airen.

Hoerspiel

Juni 4, 2008

Die Gefuehlskonserve hat einen Text von mir vom Mai diesen Jahres sehr gekonnt und mit viel Liebe zum Detail gelesen und als Hoerspiel vertont.

Anhoeren HIER:

Vielen Dank an Deef Pirmasens!

2CB

Juni 6, 2007

Der Zug rauschte vorbei. „Tut mir leid, ich bin in Eile, ich bin absolut in Eile und kann hier nicht noch länger auf irgendw.., verstehen Sie nicht, dass ich absolut keine Zeit habe, zu erklären??“.
Ich hatte gottseidank alles für mich behalten, mein Mund formte kaum sichtbare „Aahs“ und „Oohs“, die Augen grinsten um die Ecke ins Loch und dann stand ich noch mal zehn endlose Minuten da und wartete auf die Tram.
Was für eine saudumme und jede Bestrafung rechtfertigende Aktion sich hier mit so einem LSD-lookalike im Kopf auf die Straße zu trauen. Als die Tram dann endlich, endlich kommt habe ich mich fast aufgezehrt vor Warten, bin ganz verwittert an dieser unwirtlichen Haltestelle im Abend, den diese nervöse Spannung durchzieht, dass man fast unwillkürlich die Lippen schürzt und die Augen zusammenkneift. In der Bahn dann das Schlimmste: keine Gangster, keine Junkies, nein, eine blitzsaubere deutsche Kleinfamilie mit dem ganzen Stolz ihrer gerade befestigten Existenz: einem properen kleinen Buben. Die Mutter trägt ihn auf dem Arm, er hat ein weißes Frottier-Oberteil an, das behütete Kind, mit blauen Streifen und dazwischen ganz feinen, ockeren, und setzt sich neben mich. Und setzt sich neben mich! Mich, die sabbernde Bestie, in einem ockerfarbenen Boot auf einem weiten, nebulösen Frottier-Ozean. Ich grinse aus dem Fenster, aus meinen Ohren fließt in dicken Strömen Blut, von Lorbeerblättern umflochten. Das alte Psychonautenhandbuch sagt zu Verhalten in der Öffentlichkeit: Nichts machen, nichts sagen, nicht aus allen Löchern davonfließen und an der richtigen Station aussteigen. Wenn man dann immer wieder in der richtigen Reihenfolge daran denkt, funktioniert es. Den Wahnsinn Supermarkt gebe ich mir nicht, aber bei der Bäckersfrau nebenan hole ich ein Schweinsohr (mjampf) und einen Multivitaminsaft. Kaum zuhause:
Also als allererstes muss hier der Spiegel verschwinden, das geht ja keine zehn Sekunden gut, so wie sich meine Wangen in den Raum pumpen. Aber wenigstens sitze ich jetzt hier und kann meine Züge entspannt davongleiten lassen, in alle acht Richtungen des Raumes. Ich höre in mich hinein und irgendwas ist komisch. Vielleicht muss ich kotzen. Viel wichtiger als dass ich nicht kotzen muss ist, dass ich nicht kotzen will.
Mal rechnen wie lange das noch dauert, also jetzt ist es eine gute Stunde.. „Was heißt den hier Runterkommen??! Ist doch greade voll geil!!!“ Sorry, ich muss ma …
Eine neue Klasse: Polytoxikoman und gesundheitsbewusst, multisexuell, suprakulturell. Immer kurzfristig in der Lage, den gewünschten Bewusstseinszustand herzustellen.
Eine gierig in alle Ecken züngelnde Techno-Plastizität. Die Dekadenz der Verspieltheit, jeden Ton nur so leicht widerwillig an sich heranlassend und mit der Hüfte wegwippend, mit spitzen Fingern genau den Schub in den Raum gebend, den es braucht, um eine bestimmte Melodie davonzuschnippsen. Diese Verschmitztheit wäre das universale Erkennungszeichen.

2CB gehört zur Stoffklasse der Phenethylamine, in der Wirkung zwischen Ecstasy und LSD.

Laberflash

Juni 6, 2007

Ich verlasse die Arbeit um halb fünf und mache mich auf den Heimweg. Ich will eigentlich zwischendurch aussteigen und direkt in die Hasenheide fahren, aber dann setzt sich eine Station vorher ein hübsches Mädchen neben mich und ich fahre erst mal nach Hause und lege den Laptop ab. Dann fahre ich zur Hasenheide. Ich fühle mich total scheisse. Es ist kein wirklicher Schmerz, so, wie er später im Alter allgegenwärtig sein wird, es ist nur diese entkräftigende Leere, dieses willenlose Angepisstsein, die Entzauberung der Maschine. (Dabei gibt es doch Techno!). In den letzten Stunden hat einer in mir gesagt: Nach der Arbeit musst du dir Gras holen, das ist cool und passt grad voll in die Situation und außerdem ist mein Chef eh grad in Urlaub und meine Eltern kommen erst übernächstes Wochenende und es ist eh alles so egal!“. Und dann war da halt noch die Stimme der Vernunft, die leiderprobt darauf hinwies, dass das alles wieder zu Kater und Entzugserscheinungen führen würde, dass man Probleme wegschiebe und dass man doch wisse, wohin das alles führe und dass es es nicht bringe. „Das ist echt gutes Gras, Mann. Kann man nichts sagen!“, freue ich mich zuhause. Um so weit aufzuweichen, waren schon etwas Weed und ein paar Glas WodkaACE-Saft nötig. Jetzt läuft Swayzak und mixed „Push, push“ von RockersHiFi. Der Refrain ist geil, der Rest geht so.
Im Sommer 2005 fiel die Loveparade aus. Ich war gerade 23, in der Schönhauser Allee, zusammen mit Greg und wir beide verkifften ein ganzes Jahr. Das Programm hieß: Gras, Becks, Pink Floyd, Jimi Hendrix, und in etwa genauso viel DJ Rush und Gayle Sun. Ab und an an die Uni. Wir gingen zwar oft auf Technoparties, aber aus irgendwelchen Gründen fast immer zeitversetzt. Von zehn Parties trafen wir uns auf einer, und gingen dabei trotzdem immer in die gleichen Clubs: Tresor, polar.tv und Maria. Ab und zu donnerstags auf die good life-Parties im Pfefferberg, das war gleich um die Ecke und wir bekamen freien Eintritt, weil wir auf soner Member-Liste standen. Krass, erst zwei Jahre her. Das ist echt schon so ewig weit weg. Vor zwei Jahren war dann auch diese ausgefallene Loveparade. Und als Ersatz hatte man im SEZ an der Landsberger Allee, einem vieleckigen Sportzentrum, dem man die Ostzeiten noch an seiner aufdringlichen, gelb-violetten Lackierung ansah, eine DJ-Kanzel aufgebaut und dort legten dann die ganzen Großen auf: DJ Motte, Dave Clarke, Westbam, etc. Das war eine Zeit, in der ich mal kurzfristig eher durch Zufall als durch gezielten Willen mehrere Monate lang jeden Tag Speed nahm. Ich hatte eine gute Connection, den Nigga, einen todbleichen HipHopper der jedwedes Gegenüber Nigga nannte und auch die ganze Zeit Speed nahm und ne Ausbildung beim Film machte. Wir kifften, wir zogen Pep, und er hatte immer echt gutes Zeug, das er leider oft mit Milchpulver aufstreckte. Ab und zu sahen wir uns auch auf Parties, so zum Beispiel auf der legendären Jeff Mills und Laurent Garnier Party in der Maria. Seit Wochen hatte ich jedem vorgejammert: „Am soundsovielten legen Jeff Mills und Laurent Garnier in der Maria auf und ich schreibe zwei Tage später Examen und kann nicht hingehen!“. Als ich den Nigga dort traf, etwa um eins, gingen wir gleich raus auf diesen kleinen Balkon in der Maria an der Spree und setzten uns neben zwei Typen und zogen erst mal ne Nase Pep. Das war echt krasses Zeug, der Nigga hatte immer saugutes Speed am Start. Neben uns saßen zwei kurzgeschorene Typen mit dicken Pullis und der Nigga kam in Laberlaune und quatschte die beiden über mich hinweg an: „Hey, was geht mit euch ab, Niggaz, seid ihr gut drauf?“. Die Typen signalisierten durch Grunzen und Änderung der Gestalt ihre Ablehnung. Wir gingen besser rein, die Maria ist ein Bunker, ein außen wie innen verwitterter Quader direkt an der Spree; in der Zeit, als das Ostgut zu und das Berghain noch nicht auf war, als der Tresor schloß und das polar.tv nur noch alle zwei Monate eine Veranstaltung machte, war die Maria mal eine ganze Zeit lang der Treffpunkt für alle. Drinnen legt gerade Laurent Garnier auf, den Track mit dem Saxophon, ich tanze und denke krass, das Saxophon kommt von hinten und auf einmal steht da dieser Typ mit dem Saxophon mitten auf der Tanzfläche und spielt mir zu und die Musik ist saugeil, ich tanze, genau in diesem perfiden, funkigen House-Beat und uns beiden treten fast die Augen raus, einer der geilsten musikalischen Momente meines Lebens. Am Morgen standen wir wieder draußen auf dem kleinen Balkon am Wasser und der Nigga wollte noch Leute zu sich nach Hause auf ne Afterhour einladen, am besten noch ein Mädchen. Ich konnte nicht, weil ich, wie ich mehrfach betonte, noch lernen musste. Ich war wieder schnitzeldrauf und hatte die Arme hektisch im Genick verschränkt. Gegen Mittag fuhr ich heim in unsere Wohnung am Prenzlauer Berg. Ich hatte damals jedenfalls andauernd mit dem Nigga zu tun, und bei mir an der Uni waren ein paar Kollegen, die gerade Speed als Lerndroge entdeckten, für die musste ich immer wieder was aufstellen. Der Nigga wohnte nur ein paar Stationen weiter und, to tell a long story short: ich hatte ständig Speed zu hause und verlebte eine sehr seltsame Zeit, an die ich fast keine Erinnerungen mehr habe. Ein Tag bestand aus 36 Stunden Wachphase, in der man alles Mögliche tat, nur nichts Produktives. Man war durch die Droge sozusagen entschuldigt. Rausgehen war fast nicht möglich; man musste sich mit Gras, Alkohol und noch mehr Speed in einen Zustand hineintitrieren, der es einem ermöglichte, unter Leute zu gehen. Wichsen und Internetsurfen hingegen gingen gut. Meinem Mitbewohner beim Quake III zocken zuschauen war geil. Natürlich immer wieder mal ne Runde dancen auf dem Dielenboden in der Schönhauser Allee. Wir aßen vielleicht für 60€ im Monat und gaben den Rest für Gras, Alkohol, Zigaretten, Speed und Eintritt aus. Die Erkenntnis, dass so ein Körper doch alle paar Tage eine handvoll Nahrung braucht. Im Grunde waren wir die totalen Psychos und alle zwei Wochen gaben wir uns den totalen Absturz, im Tresor meistens, und dann eine Woche zum erholen. Natürlich mit dem ständigen Anspruch, jetzt mal anzufangen, gesund zu leben, Sport zu machen und aufzuhören zu kiffen. Nach den 36 Stunden kiffte man sich für ein paar Stunden angestrengt in den Schlaf und nach sechs Stunden – irgendeine Tages- oder Nachtzeit – blitzte da schon wieder das Zipperbag mit dem weißen Pulver auf dem polar.tv-Flyer vom Schreibtisch. Irgendwie war ich nur noch Techno, ein niemals stoppendes Uhrwerk. Loveparade also gleich drei Stationen um die Ecke, in der Landsberger Allee im SEZ, keine Frage, noch ne Bahn und sofort hin, DJ Rok am Nachmittag auf einer halbleeren Tanzfläche, auf der Grünfläche wird geknutscht und gedealt, ich tanze mit meinen weißen Schlaghosen mit den gelben und blauen Senkrechtstreifen und dem weißen Shirt mit den drei blauen Querstreifen und hab natürlich nochmal irgendwie Speed gekauft am Klo. Dann legt Dave Clarke auf und die stylishste Tussi, so eine fertig-schöne Rock´n´Rollerin, da mit den coolsten Leuten, kommt rüber und fragt: „Du bist irgendwie der einzige, den ich hier ansprechen würde…“ … Ich könnte jetzt was sagen. … Zeit ist. „Hast du vielleicht Teile oder Pep zu verkaufen?“. Ich verpasse sogar die Gelegenheit, sie einzuladen auf eine Nase. Stattdessen sauge ich noch ein wenig den oldschool Technospirit in mich auf. In Berlin ist das schon 2005 sowas von over. Aber die schwäbischen, hessischen und sonstigen Provinz-Raver bringen noch ein bisschen was von der Verrücktheit der alten Tage zurück.
Jetzt bin ich jedoch sehr abgeschweift, denn ich hänge erbärmlich über der Kloschüssel, verkrampft, zwischen den Kotzenanfällen nach der scharfen Luft schnappend, mal wieder voller Reue und fange an zu rechnen, wie lange das jetzt noch dauern wird.


Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 58 Followern an