Retro

By airen

Die Schönhauser Allee, Frühjahr 2004. Mein Status: Student. Mein Auftrag: Lernen, Examen schreiben. Mein Alltag: ein ganzes Jahr Müßiggang.
Das erste Mal wache ich morgens um zehn auf. Uuäähh! Schon wieder so hell. Die nervige Erinnerung an die Management-Vorlesung ist auf das kleinste spürbare Maß zurückgedimmt. Leise öffne ich die Tür zum Zimmer meines Mitbewohners. Der pennt auch noch. Das Gesicht in der Sonne, er schwitzt, aus den Boxen kommt leise, aber hektische Musik. Schranz. Irgendwas aus dem Stammheim.. Ich setze mich vor sein Bett und nehm mir die fette Glasbong. Die steht immer vor seinem Bett, dort raucht er frühmorgens seinen letzten Topf, nach Stunden vor dem Computer, als „braindamage“ bei Quake III Tournament. Ich mach mir ne gute Grasmische, nehm eine Hälfte Tabak und ein kleines, harziges Blütchen, wie mit Zuckerkristallen bestreut. Aber das, was da im Licht glitzert, ist THC. Ich blinzle durch die Jalousien. DJ Rush. Hammer, dass Greg bei der Mucke schlafen kann. Ich rauche einen fetten Kopf. Danach legt´s mich erst mal auf den Dielenboden. Die Straßenbahn fährt an. Vögel zwitschern, Autos rauschen vorbei, zwei Mädchen gackern. Das Leben findet statt. Ich spür´s ganz deutlich… das frische alkoholische Prickeln unter der Haut, Frühling, Schwimmbad, Mädchen. Zauber, Jugend, … die Anderen, … ganz klar fühl ich´s, ich bin ja stoned deluxe. Schließlich raff ich mich auf – sogar die Musik sagt „Go!“ – und leg mich nochmal zu mir rüber. Auch mein Fenster ist offen, aber ich hab Ohrstöpsel. Der Flash kommt und zieht mich für Stunden in diesen Zwischenzustand, schlafend, fühlend, denkend, vergessend.

Heute ist Donnerstag, Frühjahr 2007. Ein Tag Urlaub. Seit drei Tagen nur am kiffen. Um fünf Uhr nachmittags kämpfe ich mich aus dem Bett. Ich habe keine Zigaretten und keinen Alk und irgendwie auch nichts zu essen. Als ich die paar Meter zum Plus gehe, erfasst mich wieder dieses Retro-Berlin Feeling.

Sonne, Verpeiltheit, Aufregung. Aufwachen zur Abendsonne. Über Monate hinweg. Schranz. Berlin. Das Leben. Beck´s und Zwiebelmettwurst.

Ich geh die Treppen zur U-Bahn runter. Zum bestgeöffneten Lidl Berlins. Montag bis Sonntag, 8.00 bis 21.00 Uhr. Underground. Es riecht nach Zigarettenkippen, nach Hundepisse und nach ausgekotztem Alkohol. Eigentlich stinkt es, aber wir sind in Berlin und da ist das eben einfach nur Geruch.
Im Augenwinkel sehe ich zwei junge Typen diskutieren, einen Araber und einen Türken. Mir egal. Dann hält der Araber ein Tütchen in der Hand, mein Blick, geeicht: Gras.

Ich schalte mich ein: „Wie denn, Alter, habt ihr hier was zu verkaufen?“ Ich wohn eigentlich nicht in so einer Gegend. Der Araber blinzelt unter seinem Basecap hervor. „Ya Mann, gutes Gras!“ Er ist etwas kleiner als ich, hat die Haare zum Zopf gebunden und schaut mich mit seinem rechten Auge an. Das linke ist milchig, blind. Zuerst schaue ich ihm immer dahin.

Vor ein paar Jahren, als Jugendlicher in Bayern, hätte mich das sicher noch geflasht. Wow! Ein einäugiger Araber!

Jetzt sag ich: „Okay Mann, zeig mal her, wieviel gibst´n du fürn Zehner?“
Er gibt mir ein kleines, gut gefülltes Zipperbag, ich schätze mal ein gutes Gramm. „Sind einskommavier Gramm, Digger.“ „Mann Alter, das sind doch nie und nimmer einskommavier, Mann, also fürn Zehner will ich schon´n bisschen mehr haben!“ Der Türke meint „Ich will auch grad handeln mit ihm.“, aber die beiden werden sich schnell einig und dann ist der Türke weg. Ich geb dem Araber die zehn Euro. Der schreibt mir seine Nummer auf, auf den Flyer einer Orthopädischen Gemeinschaftspraxis in Alt-Buckow, am 12.12. hatte er dort um 11.00 Uhr einen Termin.

„0170 721 ****, ALI“ setzt er daneben.

Jetzt bin ich hier in Berlin Schöneberg vor meinem Laptop, mit DJ Rush und Beck´s und einem guten Zwiebelmettwurstbrot, ich bin verdammt breit und es ist schon wieder verdammt warm für diese Jahreszeit. Die Sonne scheint! Das Leben lässt sich nicht verleugnen. Es zerrt noch viel stärker..

Eine Antwort zu “Retro”

  1. Tabellenbuch: Leben? sagt:

    [...] von: goneastray [...]

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