Rosenheim

By airen

Das Geilste war dann ja eigentlich, wie da mitten aus dem Stadtpark raus auf einmal der Rage angetaumelt kam, offensichtlich total verstoert und von all meinen Rosenheim-Bekanntschaften sicher die fertigste, und fragte: „Hey, was machst´n du hier?“.

Der Rage wechselte zwei Eisteepulverdosen und ein Fladenbrot in die Linke, reichte mir die Rechte und fuhr dann eigentlich mehr in den eiskalten Himmel hinein fort: „Ich dachte du waerst längst in Mexiko versumpft.“

„Bist du breit, Alter?“; ich suchte auch in seinen Pupillen, aber die waren punktklein, wie immer.
„Nee, ich hab nur drei Tage nicht geschlafen und komm grad aus der Arbeit“, meinte er, kratzte zweimal seine Glatze, sah in drei Richtungen gleichzeitig und eigentlich glaub ich dem Rage eh nix mehr, spaetestens seit er mir vor zwei Jahren 30 Gramm Berlin-Speed veruntreut hat, mit soner Razzia-Story.

Man konnte da auch nichts mehr machen, es gab nichts mehr zu bereden, irgendwie „Rosenheim, Dreckloch“ noch, beiderseitig, und wir gingen fort, er wieder in seine Bude mit der Ratte ueber dem Gasthaus, und Nancy und ich weiter Richtung Fußgängerzone.

Rosenheim war mittlerweile offenbar total tot. Ich kannte niemanden. Die jungen Gesichter waren alle neu, im Zentrum am Brunnen eine Totenstille, aus den Modehäusern und Dekorationsstuben kam nur noch ein hartnäckiges Aufrechterhalten, ein pastellfarbener Abklang, die Kälte hatte gewonnen, die Rentner das Regiment uebernommen.

In Rosenheim spricht man einen eigenen Dialekt, und ich wusste gar nicht mehr warum, auf was man da stolz hinweisen wollte; wir gingen noch durch den Karstadt, tranken Schokolade beim Bergmeister, es war alles nur noch feindlich und alt und die fünfzehn Jahre die ich hier gelebt habe ein kalter welker Punkt am Horizont.