Archive for Juni 2007

2CB

Juni 6, 2007

Der Zug rauschte vorbei. „Tut mir leid, ich bin in Eile, ich bin absolut in Eile und kann hier nicht noch länger auf irgendw.., verstehen Sie nicht, dass ich absolut keine Zeit habe, zu erklären??“.
Ich hatte gottseidank alles für mich behalten, mein Mund formte kaum sichtbare „Aahs“ und „Oohs“, die Augen grinsten um die Ecke ins Loch und dann stand ich noch mal zehn endlose Minuten da und wartete auf die Tram.
Was für eine saudumme und jede Bestrafung rechtfertigende Aktion sich hier mit so einem LSD-lookalike im Kopf auf die Straße zu trauen. Als die Tram dann endlich, endlich kommt habe ich mich fast aufgezehrt vor Warten, bin ganz verwittert an dieser unwirtlichen Haltestelle im Abend, den diese nervöse Spannung durchzieht, dass man fast unwillkürlich die Lippen schürzt und die Augen zusammenkneift. In der Bahn dann das Schlimmste: keine Gangster, keine Junkies, nein, eine blitzsaubere deutsche Kleinfamilie mit dem ganzen Stolz ihrer gerade befestigten Existenz: einem properen kleinen Buben. Die Mutter trägt ihn auf dem Arm, er hat ein weißes Frottier-Oberteil an, das behütete Kind, mit blauen Streifen und dazwischen ganz feinen, ockeren, und setzt sich neben mich. Und setzt sich neben mich! Mich, die sabbernde Bestie, in einem ockerfarbenen Boot auf einem weiten, nebulösen Frottier-Ozean. Ich grinse aus dem Fenster, aus meinen Ohren fließt in dicken Strömen Blut, von Lorbeerblättern umflochten. Das alte Psychonautenhandbuch sagt zu Verhalten in der Öffentlichkeit: Nichts machen, nichts sagen, nicht aus allen Löchern davonfließen und an der richtigen Station aussteigen. Wenn man dann immer wieder in der richtigen Reihenfolge daran denkt, funktioniert es. Den Wahnsinn Supermarkt gebe ich mir nicht, aber bei der Bäckersfrau nebenan hole ich ein Schweinsohr (mjampf) und einen Multivitaminsaft. Kaum zuhause:
Also als allererstes muss hier der Spiegel verschwinden, das geht ja keine zehn Sekunden gut, so wie sich meine Wangen in den Raum pumpen. Aber wenigstens sitze ich jetzt hier und kann meine Züge entspannt davongleiten lassen, in alle acht Richtungen des Raumes. Ich höre in mich hinein und irgendwas ist komisch. Vielleicht muss ich kotzen. Viel wichtiger als dass ich nicht kotzen muss ist, dass ich nicht kotzen will.
Mal rechnen wie lange das noch dauert, also jetzt ist es eine gute Stunde.. „Was heißt den hier Runterkommen??! Ist doch greade voll geil!!!“ Sorry, ich muss ma …
Eine neue Klasse: Polytoxikoman und gesundheitsbewusst, multisexuell, suprakulturell. Immer kurzfristig in der Lage, den gewünschten Bewusstseinszustand herzustellen.
Eine gierig in alle Ecken züngelnde Techno-Plastizität. Die Dekadenz der Verspieltheit, jeden Ton nur so leicht widerwillig an sich heranlassend und mit der Hüfte wegwippend, mit spitzen Fingern genau den Schub in den Raum gebend, den es braucht, um eine bestimmte Melodie davonzuschnippsen. Diese Verschmitztheit wäre das universale Erkennungszeichen.

2CB gehört zur Stoffklasse der Phenethylamine, in der Wirkung zwischen Ecstasy und LSD.

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Laberflash

Juni 6, 2007

Ich verlasse die Arbeit um halb fünf und mache mich auf den Heimweg. Ich will eigentlich zwischendurch aussteigen und direkt in die Hasenheide fahren, aber dann setzt sich eine Station vorher ein hübsches Mädchen neben mich und ich fahre erst mal nach Hause und lege den Laptop ab. Dann fahre ich zur Hasenheide. Ich fühle mich total scheisse. Es ist kein wirklicher Schmerz, so, wie er später im Alter allgegenwärtig sein wird, es ist nur diese entkräftigende Leere, dieses willenlose Angepisstsein, die Entzauberung der Maschine. (Dabei gibt es doch Techno!). In den letzten Stunden hat einer in mir gesagt: Nach der Arbeit musst du dir Gras holen, das ist cool und passt grad voll in die Situation und außerdem ist mein Chef eh grad in Urlaub und meine Eltern kommen erst übernächstes Wochenende und es ist eh alles so egal!“. Und dann war da halt noch die Stimme der Vernunft, die leiderprobt darauf hinwies, dass das alles wieder zu Kater und Entzugserscheinungen führen würde, dass man Probleme wegschiebe und dass man doch wisse, wohin das alles führe und dass es es nicht bringe. „Das ist echt gutes Gras, Mann. Kann man nichts sagen!“, freue ich mich zuhause. Um so weit aufzuweichen, waren schon etwas Weed und ein paar Glas WodkaACE-Saft nötig. Jetzt läuft Swayzak und mixed „Push, push“ von RockersHiFi. Der Refrain ist geil, der Rest geht so.
Im Sommer 2005 fiel die Loveparade aus. Ich war gerade 23, in der Schönhauser Allee, zusammen mit Greg und wir beide verkifften ein ganzes Jahr. Das Programm hieß: Gras, Becks, Pink Floyd, Jimi Hendrix, und in etwa genauso viel DJ Rush und Gayle Sun. Ab und an an die Uni. Wir gingen zwar oft auf Technoparties, aber aus irgendwelchen Gründen fast immer zeitversetzt. Von zehn Parties trafen wir uns auf einer, und gingen dabei trotzdem immer in die gleichen Clubs: Tresor, polar.tv und Maria. Ab und zu donnerstags auf die good life-Parties im Pfefferberg, das war gleich um die Ecke und wir bekamen freien Eintritt, weil wir auf soner Member-Liste standen. Krass, erst zwei Jahre her. Das ist echt schon so ewig weit weg. Vor zwei Jahren war dann auch diese ausgefallene Loveparade. Und als Ersatz hatte man im SEZ an der Landsberger Allee, einem vieleckigen Sportzentrum, dem man die Ostzeiten noch an seiner aufdringlichen, gelb-violetten Lackierung ansah, eine DJ-Kanzel aufgebaut und dort legten dann die ganzen Großen auf: DJ Motte, Dave Clarke, Westbam, etc. Das war eine Zeit, in der ich mal kurzfristig eher durch Zufall als durch gezielten Willen mehrere Monate lang jeden Tag Speed nahm. Ich hatte eine gute Connection, den Nigga, einen todbleichen HipHopper der jedwedes Gegenüber Nigga nannte und auch die ganze Zeit Speed nahm und ne Ausbildung beim Film machte. Wir kifften, wir zogen Pep, und er hatte immer echt gutes Zeug, das er leider oft mit Milchpulver aufstreckte. Ab und zu sahen wir uns auch auf Parties, so zum Beispiel auf der legendären Jeff Mills und Laurent Garnier Party in der Maria. Seit Wochen hatte ich jedem vorgejammert: „Am soundsovielten legen Jeff Mills und Laurent Garnier in der Maria auf und ich schreibe zwei Tage später Examen und kann nicht hingehen!“. Als ich den Nigga dort traf, etwa um eins, gingen wir gleich raus auf diesen kleinen Balkon in der Maria an der Spree und setzten uns neben zwei Typen und zogen erst mal ne Nase Pep. Das war echt krasses Zeug, der Nigga hatte immer saugutes Speed am Start. Neben uns saßen zwei kurzgeschorene Typen mit dicken Pullis und der Nigga kam in Laberlaune und quatschte die beiden über mich hinweg an: „Hey, was geht mit euch ab, Niggaz, seid ihr gut drauf?“. Die Typen signalisierten durch Grunzen und Änderung der Gestalt ihre Ablehnung. Wir gingen besser rein, die Maria ist ein Bunker, ein außen wie innen verwitterter Quader direkt an der Spree; in der Zeit, als das Ostgut zu und das Berghain noch nicht auf war, als der Tresor schloß und das polar.tv nur noch alle zwei Monate eine Veranstaltung machte, war die Maria mal eine ganze Zeit lang der Treffpunkt für alle. Drinnen legt gerade Laurent Garnier auf, den Track mit dem Saxophon, ich tanze und denke krass, das Saxophon kommt von hinten und auf einmal steht da dieser Typ mit dem Saxophon mitten auf der Tanzfläche und spielt mir zu und die Musik ist saugeil, ich tanze, genau in diesem perfiden, funkigen House-Beat und uns beiden treten fast die Augen raus, einer der geilsten musikalischen Momente meines Lebens. Am Morgen standen wir wieder draußen auf dem kleinen Balkon am Wasser und der Nigga wollte noch Leute zu sich nach Hause auf ne Afterhour einladen, am besten noch ein Mädchen. Ich konnte nicht, weil ich, wie ich mehrfach betonte, noch lernen musste. Ich war wieder schnitzeldrauf und hatte die Arme hektisch im Genick verschränkt. Gegen Mittag fuhr ich heim in unsere Wohnung am Prenzlauer Berg. Ich hatte damals jedenfalls andauernd mit dem Nigga zu tun, und bei mir an der Uni waren ein paar Kollegen, die gerade Speed als Lerndroge entdeckten, für die musste ich immer wieder was aufstellen. Der Nigga wohnte nur ein paar Stationen weiter und, to tell a long story short: ich hatte ständig Speed zu hause und verlebte eine sehr seltsame Zeit, an die ich fast keine Erinnerungen mehr habe. Ein Tag bestand aus 36 Stunden Wachphase, in der man alles Mögliche tat, nur nichts Produktives. Man war durch die Droge sozusagen entschuldigt. Rausgehen war fast nicht möglich; man musste sich mit Gras, Alkohol und noch mehr Speed in einen Zustand hineintitrieren, der es einem ermöglichte, unter Leute zu gehen. Wichsen und Internetsurfen hingegen gingen gut. Meinem Mitbewohner beim Quake III zocken zuschauen war geil. Natürlich immer wieder mal ne Runde dancen auf dem Dielenboden in der Schönhauser Allee. Wir aßen vielleicht für 60€ im Monat und gaben den Rest für Gras, Alkohol, Zigaretten, Speed und Eintritt aus. Die Erkenntnis, dass so ein Körper doch alle paar Tage eine handvoll Nahrung braucht. Im Grunde waren wir die totalen Psychos und alle zwei Wochen gaben wir uns den totalen Absturz, im Tresor meistens, und dann eine Woche zum erholen. Natürlich mit dem ständigen Anspruch, jetzt mal anzufangen, gesund zu leben, Sport zu machen und aufzuhören zu kiffen. Nach den 36 Stunden kiffte man sich für ein paar Stunden angestrengt in den Schlaf und nach sechs Stunden – irgendeine Tages- oder Nachtzeit – blitzte da schon wieder das Zipperbag mit dem weißen Pulver auf dem polar.tv-Flyer vom Schreibtisch. Irgendwie war ich nur noch Techno, ein niemals stoppendes Uhrwerk. Loveparade also gleich drei Stationen um die Ecke, in der Landsberger Allee im SEZ, keine Frage, noch ne Bahn und sofort hin, DJ Rok am Nachmittag auf einer halbleeren Tanzfläche, auf der Grünfläche wird geknutscht und gedealt, ich tanze mit meinen weißen Schlaghosen mit den gelben und blauen Senkrechtstreifen und dem weißen Shirt mit den drei blauen Querstreifen und hab natürlich nochmal irgendwie Speed gekauft am Klo. Dann legt Dave Clarke auf und die stylishste Tussi, so eine fertig-schöne Rock´n´Rollerin, da mit den coolsten Leuten, kommt rüber und fragt: „Du bist irgendwie der einzige, den ich hier ansprechen würde…“ … Ich könnte jetzt was sagen. … Zeit ist. „Hast du vielleicht Teile oder Pep zu verkaufen?“. Ich verpasse sogar die Gelegenheit, sie einzuladen auf eine Nase. Stattdessen sauge ich noch ein wenig den oldschool Technospirit in mich auf. In Berlin ist das schon 2005 sowas von over. Aber die schwäbischen, hessischen und sonstigen Provinz-Raver bringen noch ein bisschen was von der Verrücktheit der alten Tage zurück.
Jetzt bin ich jedoch sehr abgeschweift, denn ich hänge erbärmlich über der Kloschüssel, verkrampft, zwischen den Kotzenanfällen nach der scharfen Luft schnappend, mal wieder voller Reue und fange an zu rechnen, wie lange das jetzt noch dauern wird.